Dinslaken: Das Leben, ein Blues
VON LENA STEEG - zuletzt aktualisiert: 28.01.2008Dinslaken (RPO). Zum siebten Chorworkshop der Lohberg Voices kamen die rund 50 Teilnehmer auch von weiter her: Aus Krefeld, Münster und der Umgebung waren sie angereist, um bis zum Kirchenkonzert am Abend den Blues zu beherrschen.
Draußen ist Januarwetter. Kalt, grau, ungemütlich kommen die Tage daher, enden viel zu schnell, machen müde und nachdenklich. „Den Blues haben“ deshalb viele. Dass der Blues als Musikrichtung aber etwas ganz anderes ist, etwas facettenreiches, grundsätzlich positives, das erklärt Rainer Stemmermann während seines kleinen Einführungsvortrags den Workshopteilnehmern. „Blues ist ironisch, lustig, bissig, aggressiv und todtraurig zugleich. Aber eben immer auch hoffnungsvoll“, sagt er. Wie das Leben also.
Das Leben besingen die rund 50 Workshopteilnehmer seit 10 Uhr morgens. Die Mittagspause um 12 Uhr haben sie sich deshalb alle redlich verdient. Besonders Harro Düx. Der Chorleiter der „Lohberg Voices“ hat nämlich eine Erkältung, „ausgerechnet jetzt“, lässt sich den Sangesspaß dadurch aber nicht verhageln. Passenderweise steht heute Hühnersuppe auf der Tageskarte. Gut gegen Erkältung, sagt man doch. „Na ich weiß ja nicht“, antwortet Düx.
Die gewisse Lässigkeit
Den anderen jedenfalls scheint‘s zu schmecken. Man sitzt im Halbkreis um das Keyboard herum, tunkt Brötchen in die breiige Masse und lacht viel. „Man muss eine gewisse Lässigkeit finden, um die Lieder rüber zu bringen“, resümiert Claudia George die erste Workshophälfte. Sie ist mit ihrem Sangeskollegen Dirk Quast-Wessels aus Moers angereist und findet Kursleiter Rainer „einfach mitreißend“.
Auf Krepppapierfetzen hat jeder seinen Vornamen gekritzelt und anschließend auf die Brust gepappt. Man duzt sich, die Stimmung ist unbekümmert. Die Liedtexte weniger. „Singing the blues“ heißt das Stück, das Rainer Stemmermann gemeinsam mit einigen Workshopteilnehmern bereits in der vergangenen Woche geschrieben hat. Acht Strophen im typischen „Zwölf-Takt-Standard-Schema“ widmen sich thematisch den Ärgernissen dieser Tage. „Eine Strophe ist zum Beispiel für die Leute des Nokia-Werks, das geschlossen wird.“ Eine andere besingt den Frust des im Stau stehenden Arbeiters, das dumpfen Gefühl nach der Karnevalfeier, wenn man neben jemandem aufwacht, der eindeutig nicht der aktuelle Partner ist, und, natürlich: die Schmerzen einer Trennung. Nun lässt sich fragen: Wo genau ist denn da bitte das Hoffnungsvolle, Zuversichtliche?
Das hört man erst, wenn zwanzig Minuten später die Mittagspause vorbei ist und die Proben weitergehen. Schnell stehen alle, langsam wird aus dem Schnipsen ein Klatschen, Sopran, Bass, Alt wechseln sich ab, singen sich gegenseitig rein, aber alles klingt toll. „Den nächsten Teil müssen wir charmant rüberbringen“, ruft Rainer in Melodie der Gitarrensounds imitierenden Gruppe hinein, und wenn die irgendetwas gelernt hat heute, dann aber doch: Charmant zu singen. Das lang gezogene „Dudaaa“ wechselt über in „perkussiv gedachte Einzeltöne“, und so kann man sich bis zum abendlichen Kirchenkonzert beruhigt verabschieden: Hier bleibt der Januar vor der Tür. Zutritt hat nur der echte Blues.
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