Dinslaken: Den Wert der Bildung erkennen
zuletzt aktualisiert: 20.11.2008Dinslaken (RPO). Ein Land steht unter Pisa-Schock. Und wieder einmal hat Nordrhein-Westfalen schlecht abgeschnitten. Martina Gottlieb, Leiterin der Gesamtschule Voerde, äußert sich über Pisa, Testverfahren, Bildungsnähe und Sprachkompetenz.
Kognitiver Test
Alle Fünftklässler werden an der Gesamtschule Voerde einem kognitiven Test unterzogen. Es handelt sich ausdrücklich nicht um einen Intelligenztest. Die Ergebnisse bleiben vertraulich und kommen zum Einsatz, um die Schüler gezielt zu fördern.
Es ist schon schlechte Tradition: Neue Pisa-Studie, neuer Schock. Diesmal traf es Nordrhein-Westfalen im Vergleich der Bundesländer knüppelhart: Schlusslicht in Naturwissenschaften und Mathematik. Eine weitere Erkenntnis: Schüler ausländischer Herkunft zählen überdurchschnittlich oft zu den Bildungsverlierern. Wie Praktiker die Pisa-Ergebnisse einschätzen, darüber sprach Angelika Ritzka mit Martina Gottlieb, Leiterin der Gesamtschule Voerde.
Frau Gottlieb, wie bewerten Sie die Pisa-Ergebnisse für NRW?
Gottlieb Sie zeigen, dass an den Schulen des Landes bestimmte Bemühungen gegriffen haben. Die Schüler sind in der Vergangenheit bei den Pisa-Tests oft nicht an den Antworten gescheitert, sondern weil ihnen die Art der Aufgabenstellung nicht geläufig war. Hier haben Lehrer erfolgreich die andere Aufgabenkonstruktion eingeübt. Positiv ist, dass NRW im Ländervergleich besser als in der Vergangenheit abgeschnitten hat.
NRW hat einen recht hohen Anteil von ausländischen Schülern. Im Siegerland Sachsen hingegen leben relativ wenige Kinder mit Migrationshintergrund. Führt dies nicht zu einer Verzerrung der Pisa-Ergebnisse?
Gottlieb Nicht das Herkunftsland ist das Problem. Denn nicht jeder Migrant ist automatisch bildungsfern und nicht jeder Deutsche allein seiner Herkunft wegen bildungsnah. Ein Beleg dafür ist die Zusammensetzung unserer „Beruf und Schule”-Klasse: Diese wird von den Schülern der neunten Jahrgangsstufe besucht, die Gefahr laufen, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. In kleinen Lerngruppen und in einer Mischung aus Schule und Praxis in Betrieben fördern wir diese Schüler so, dass über 80 Prozent von ihnen nach einem Jahr den Hauptschulabschluss in der Tasche haben. Diese „Bus”-Klasse besucht kein einziger Schüler mit Migrationshintergrund.
Sie sagen, nicht die Herkunft sei das Hauptproblem. Welches ist es dann?
Gottlieb Mangelnde Sprachkompetenz. Und diese ist nicht ausschließlich eine Schwierigkeit, mit der Schüler ausländischer Herkunft zu kämpfen haben. Die meisten Fächer werden nun mal über Sprache vermittelt. Haben Schüler hier Defizite, stößt auch die anschaulichste Vermittlung von Wissen an seine Grenzen. Natürlich ist es schwierig, wenn Eltern kein Deutsch können. Wenn in den Familien aber generell nicht miteinander gesprochen wird, sondern nur der Fernseher plappert, haben die Kinder in der Schule ein Problem. Unter jedem, der nicht spricht, leidet die Kommunikation im Klassenraum. Aus diesem Grund trainieren unsere Lehrer Kommunikation und Gesprächsverhalten mit den Schülern.
Das heißt, die grundlegende Ursache, die zum schlechten Abschneiden bei Studien wie Pisa führt, liegt nicht im Schulsystem?
Gottlieb Das System des Fachunterrichts muss durch Fördermaßnahmen erweitert werden. Für unsere Fünftklässler mit Förderbedarf in Deutsch z. B. haben wir deshalb vier Gruppen eingerichtet. Diese Gruppen besuchen sowohl deutsche als auch ausländische Schüler. Denn fest steht auch: Wo Schwache gefördert werden, profitieren alle davon.
Was bringen Studien wie Pisa?
Gottlieb Erst langfristig wird sich zeigen, ob es über die Pisa-Studie bessere Schüler geben wird oder ob nur bessere Test-Ergebnisse erzielt werden.
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