Dinslaken: Der doppelte Felix
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 03.02.2009Dinslaken (RPO). Die Burghofbühne greift wieder einmal in den Literaturfundus. Frank Riede bringt für das Landestheater Thomas Manns "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" auf die Bühne. Premiere ist am Freitag in der Kathrin-Türks-Halle.
Neue Gesichter
Mit Evelyn Cron, die den "alten Krull" spielt, und Gunnar Blume (er gibt den jungen Felix) stellen sich dem Dinslakener Publikumgleich zwei Neue vor. Cron, 1940 in Magdeburg geboren, wurde 1961 vom Deutschen Fernsehfunk zur Schauspielerin ausgebildet. Es folgten Festengagements in Leipzig, Magdeburg und Ost-Berlin. 1985 siedelte die Schauspielerin nach Westberlin.
Gunnar Blume, 1977 in Leipzig geboren, ausgebildet in München, spielte unter anderem in Hannover, Heidelberg, Freiburg und Berlin.
Es gibt leichtere Übungen, als einen großen Schelmenroman in ein unterhaltsames Schauspiel zu verwandeln. Regisseur Frank Riede und Dramaturg Lars Helmer haben es trotzdem versucht. Sie haben die Erfolgsgeschichte um den charmanten Blender in eine Bühnenfassung gegossen, die Thomas Mann zwar nicht postum zum Dramatiker, aber aus einem "schönen Leseerlebnis", über das der Regisseur, wie er versichert, damals herzlich gelacht hat, ein starkes Theaterstück macht.
Zwiegespräche statt Monologe
Riede und Helmer schicken gleich zwei "Krulls" ins Rennen. Den alten Felix spielt Evelyn Cron, den jungen gibt Gunnar Blume. Aus zwei Personen eine zu schaffen, ohne sie als siamesische Zwillinge agieren zu lassen, macht nicht nur für den Regisseur den Reiz der Inszenierung aus. Cron und Blume nutzen den Kunstgriff für Zwiegespräche mit sich selbst. Der alte, gereifte Krull agiert aus der Distanz heraus. Er erzählt, reflektiert Geschehenes, greift aber durchaus auch aktiv in die Geschichte ein, indem er dem jugendlichen Aufschneider Beine macht, sobald dieser sich zu verlieren droht. Das vermeidet Endlos-Monologe und zeigt Krull als Doppelwesen aus einem Romanfragment, das nach Auffassung Helmers deutlich boulevardeske Züge trägt. Felix Krull ist eine androgyne Figur, ein menschliches Chamäleon, das sich mal im eleganten Kleid und mal in bequemen Hosen durch allerlei tragische, komische und erotische Abenteuer schlawinert.
Das geschieht – wie so oft bei Riede – auf einer weißen Bühne. Der Regisseur stellt sie nicht mit Requisiten zu, sondern nutzt sie als Raum, um die Phantasie des Zuschauers zu fordern. Mit der Sprache verhält es sich ähnlich. Mann bleibt Mann. "Das ist kein Alltagsdeutsch, das ist Literatur", sagt Frank Riede. Was er aus den 440 Seiten starken "Bekenntnissen" herausdestilliert habe, sei genauso verschraubt und verdreht, wie es der Autor Mitte des vergangenen Jahrhunderts veröffentlicht habe.
Ende offen
Dennoch lässt es sich klar und direkt transportieren, sobald sich der Zuschauer den Mannschen Denkschemata anpasst. Dann sei das überhaupt kein Problem mehr, versichert Gunnar Blume und spricht wie zum Beweis einen Krull-Satz über die elterliche Schaumweinfabrikation, den niemand, schon gar kein 16-Jähriger, jemals auf so herrlich gestelzte Art in eine Konversation einzubringen in der Lage wäre. Thomas Manns Roman endet offen. Auch das Theaterstück verrät nicht, wo Krulls Reise endet. Landet Felix der Glückliche im Gefängnis? Im Irrenhaus? Gründet er eine Familie? Wird er zum Spießer? "Wie, wenn der Roman weit offen stehenbliebe?" fragt der greise Thomas Mann in seinen Memoiren und gibt sich selbst die Antwort: "Es wäre kein Unglück meiner Meinung nach." Davon ist auch der Regisseur überzeugt. Soll sich der Zuschauer doch das Ende denken, das ihm am besten gefällt. Anleitungen zum Phantasieren bietet die Inszenierung mehr als genug.
Premiere: Freitag, 6. Februar, 20 Uhr, Kathrin-Türks-Halle, Dinslaken.
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