Dinslaken: Ein Buch voll unbequemer Wahrheiten
zuletzt aktualisiert: 11.11.2008Dinslaken (RPO). Geschichte lässt sich nicht totschweigen. Sie drängt ans Licht. Dass man manchmal etwas nachhelfen muss und einen sehr langen Atem benötigt, um die Wahrheit herauszufinden, haben die Autorin und die Autoren erfahren, deren Beiträge das Buch „Nationalsozialismus in Dinslaken und seine Nachwirkungen“ auf 432 Seiten versammelt. Gestern wurde der Band im Anschluss an die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms im Rathaus vorgestellt.
Mit detektivischem Spürsinn
„Neue Forschungsergebnisse“ steht in weißer Schrift auf rotem Grund auf dem Umschlag, der das Mahnmal von Alfred Grimm zeigt. Dass sieben Jahrzehnte vergehen mussten, bis die Früchte sorgfältiger Recherche und Aufarbeitung auch bisher unbekannter Quellen dem geschichtlich interessierten Leser als Buch vorgelegt werden konnten, liegt zum Teil an den Quellen selbst. Viele, so Stadtarchivarin Gisela Marzin, die für Redaktion und Koordination des von der Stadt Dinslaken herausgegebenen Bandes verantwortlich zeichnet, seien verschüttet gewesen. Fristen hätten erst ablaufen müssen, bevor es den Autoren erlaubt gewesen sei, sich mit „detektivischem Spürsinn“ tief in Dinslakens braune Vergangenheit hineinzuwühlen. Das Ergebnis zeigt nach Einschätzung des Klartext Verlags „ein vielschichtiges und detailliertes Bild Dinslakens in der Zeit des Nationalsozialsmus, das auch unbequeme Wahrheiten aufdeckt und hilft, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen“. Bürgermeisterin Sabine Weiss wird in ihrem Vorwort deutlicher. Das Buch zeige, dass von 1933 bis 1945 „die gesamten wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Strukturen in unserer Stadt dem braunen Gedankengut untergeordnet“ wurden. „Ablehnung und Zustimmung, Führerglaube und innere Emigration, Mittäterschaft, Mitläufertum und Widerstand, Verdrängen und Aufklären, all dies gab es auch in Dinslaken“. Diese Zeit dürfe kein blinder Fleck in der Stadtgeschichte bleiben. Nur die aktive Erinnerung bringe die Stärke, „den aktuellen Formen von Intoleranz, Gewalt und rechter Ideologie entgegen treten zu können“, betont die Bürgermeisterin.
Ein Kapitel dieser Erinnerung liefert Anne Prior mit einem Beitrag über die „Entnazifizierung im Landkreis Dinslaken nach 1945“. Die Buchhändlerin beleuchtet politische Säuberungen und juristische Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus. Sepp Aschenbach widmet sich dem Weg der Evangelischen Kirchen in Dinslaken von 1933 bis nach dem Krieg. Franz Klaus Görtz schildert Deutschlands Weg von der Arbeitslosigkeit zur Zwangsarbeit.
Zwangsarbeit
Prof. Dieter Oelschlägel berichtet über Zwangsarbeit in Dinslaken. Rüdiger Gollnick spürt in seinem Beitrag „Heldengedenken“ Mentalitätsstrukturen und Inszenierungen nach. Jürgen Grafen schreibt über „Arisierung und Wiedergutmachung“ und über das Phänomen des Verdrängens und der Aufarbeitung von Geschichte in Dinslaken. Adolf Kraßnigg erzählt die Geschichte des Eigentums der Stiftung „Israelisches Waisenhaus“.
Das Buch macht neugierig. Seine Präsentation wäre sehr gut ohne die mit wenig Fingerspitzengefühl ausgewählte Live-Musik („Heimat, Deine Sterne“, „Good-bye, Johnny“, „In the mood“) ausgekommen.
„Nationalsozialismus in Dinslaken und seine Nachwirkungen“, Stadt Dinslaken (Herausgeber), Klartext-Verlag, 19,95 Euro. ISBN 978-3-8375-0087-5
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