Dinslaken: Ein Charmebolzen im Glück
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 09.02.2009Dinslaken (RPO). Thomas Mann war mit seinen "Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull" zeitlebens nicht glücklich. Wie sich aus dem Romanfragment eine spritzige, intelligente Komödie fürs Theater destillieren lässt, zeigte die Burghofbühne in der Kathrin-Türks-Halle. Das Publikum jubelte.
Leichtsinn
"Es ist ein etwas leichtsinniges Buch, dessen Scherze man mir zugute halten mag", bemerkte Thomas Mann zu "Felix Krull".
Lars Helmer und Frank Riede haben die Bühnenfassung geschrieben, Riede führt auch Regie. Das Bühnenbild stammt von Kay Anthony, die Kostüme hat Daniela M. Decker geschneidert.
Apollon kotzt. Deutlicher lässt sich die Abneigung gegen den eigenen Bruder nicht darstellen. Aber Hermes, Gott der Diebe, hat es schon als Baby faustdick hinter den Ohren. Als frühreifer Knilch klaut er dem Krieger die Rinderherde. Dass er später mit dem Kuhdarm die göttliche Lyra bespannen wird, spart das heiter-parodistische Vorspiel, mit dem Frank Riede und Lars Helmer ihre narzisstisch-ironische Komödie einleiten, aus. Applaus gibt's trotzdem. Der kommt vom Band. Die Welt, sie will betrogen sein.
Tricksen, täuschen, mogeln
Felix Krull ist der geborene Blender. Ein ebenso eleganter wie eloquenter Charmebolzen, der mogelt, trickst und täuscht, die Menschen verschaukelt, einseift und beklaut, und das so geschickt, dass sie sich bei ihm am Ende noch bedanken. Hochstapelei ist eine hohe Kunst. Die Gaunereien des Felix Krull sind durch keine Moralität und Reue behindert. Waren es nie. Das Bekenntnis, das er ablegt, hat nichts von einer Beichte. Es ist Reflexion, wohlgefälliges Erinnern an eine aufregende, glamouröse Jugend voll erotischer Abenteuer.
Frank Riede schickt Krull als androgynes Zwitterwesen auf die Bühne. Ein kühner Kunstgriff und eine hervorragende Idee. Evelyn Cron gibt den alten Krull als altersmilden Schwerenöter, der nicht nur um seine Verdienste weiß, sondern sich auch gern damit brüstet. Souverän fantasiert er sich allerlei auf Hochglanz polierte Trugbilder auf die strahlend helle Bühne, ist ein Geist, der dem jungen Krull nicht von der Seite weicht, ihn erzählend anleitet und – wenn es denn sein muss – Felix auch schon mal den Hosenlatz öffnet, damit jener die Arme frei hat, um galant ein Paar wohlgeformter Frauenbeine zu spreizen.
Gunnar Blume spielt den jungen Krull. Er spielt ihn unvergleichlich gut. Ach was: Dieser 31-jährige Schauspieler aus Leipzig ist hervorragend, die Idealbesetzung für die Rolle, ein Glücksgriff, zu dem man dem Landestheater gratulieren muss. Blume ist wendig, schnell. Wohl akzentuiert und mit erstaunlicher Lässigkeit bringt er die verschraubten Mannschen Satzgebilde zum Glänzen.
Felix Krull möchte seine Jugend nicht der Tyrannei eines bürgerlichen Lebens opfern. Sein schauspielerisches Talent hilft ihm dabei. Der Schüttelfrost, mit dem er sich aus dem Schulunterricht simuliert, erinnert an ein Erdbeben. Zugleich macht er Appetit auf die Musterungsszene, dieses wunderbar gefakte epileptische Intermezzo, in dem Gunnar Blume zur Hochform aufläuft. Wie ein gedoptes Mauswiesel lässt er Nervositätsblitze keck über die rechte Schulter zucken, grimassiert, turnt, springt und quasselt Stabsarzt, Priester und Offizier so lange etwas vor, bis endlich auch jenen die Gesichtszüge entgleiten und ein verzweifelt gebrülltes "Ausgemustert!" den Affenzirkus beendet. Von ähnlicher Klasse ist Krulls amouröses Abenteuer mit der ebenso reichen wie lüsternen Madame Houpflé (Martina Mann), die zwischen den Hermes-Waden des Hochstaplers lustvoll gedemütigt ein paar Gipfel erstürmt, wobei sie sich mit verdrehten Augen genussvoll den ehelichen Schmuck von Hals und Ohren stibitzen lässt.
Die Reise führt aus dem Rheingau nach Paris und Lissabon. Aus Felix Krull wird Armand Kroull, aus dem Liftboy ein Oberkellner, der zum wohlhabenden Marquis de Venosta mutiert. Riede erzählt die Geschichte in Episoden auf einer mit aufgespanntem Kuhfell drapierten Einheitsbühne. Für die Hot-Spots hat Kay Anthony eine White-Box gebaut, die sich wahlweise als Rekrutierstube und mittels Projektion als Zugabteil, Klosterinnenhof oder botanischer Garten gestalten lässt. Dass die Inszenierung so unangestrengt daher kommt, liegt an den leichten Bewegungsabläufen, dem atmosphärisch wechselnden Licht, vor allem aber an der durchweg überzeugenden Ensembleleistung.
Ein warmer Schotte
Marco Pickart Alvaro, Iris Kunz, Martina Mann und Anton Schieffer, allesamt mit vier bis fünf Rollen gesegnet, machen ihre Sache richtig gut. Dass Schieffer sich als Lord Kilmarnock aus Aberdeen einen Sonderapplaus erspielt, liegt nicht nur an dem dezent die adeligen Knie umspielenden Karo seines Schottenrocks. Es liegt auch an der wachsweichen Ehrlichkeit, mit der er Felix dem Glücklichen die Wärme seiner Männerbrust anempfiehlt. Felix lehnt ab. Der Lord küsst ihn trotzdem.
Typisch Mann. Starker Beifall für einen äußerst vergnüglichen Theaterabend.
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