Dinslaken: Eine fantastische Jazz-Nacht
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 09.08.2010Dinslaken (RPO). Jazz-Nächte sind lang. Wenn sich zwei Weltstars aus Paris mit einem jungen Trompetengenie aus Hückeswagen und einer spielfreudigen Nachwuchs-Truppe aus Dinslaken die Bühne teilen, dauern sie viereinhalb Stunden. Ein gelungener Fantastival-Auftakt im Burginnenhof.
Zunächst einmal locker werden, den Kopf frei blasen, relaxen. Die Waldorf Jazz Connection stimmte mit einer Mischung aus Jazz- und Soul-Standards auf einen Konzertabend ein, der so abwechslungsreich wie spannend war, voll großer Gefühle und melancholischer Momente, beschwingt, heiter und mitreißend. Während die Sonne die letzten wärmenden Strahlen in den Burginnenhof schickte, huldigten Ralf Bazzanellas Jazz-Youngster mit "Summertime" der Leichtigkeit des Seins, ließen gekonnt den "Pink Panther" schleichen und erzählten, was geschieht, wenn ein Mann eine Frau liebt. Mit Maika Küster verfügt die Jazz Connection seit geraumer Zeit über eine Sängerin. Das Mädchen hat Talent und ist dabei, einen eigenen Stil zu entwickeln. Der Percy-Sledge-Klassiker "When A Man loves A Woman" erwies sich für die Schülerin jedoch als deutlich zu groß. Krumm nahm ihr das niemand. Um so weniger, als Maika gleich darauf mit "Rehab" zeigte, dass Amy Whinehouse nicht die einzige ist, die diesen Song so kompromisslos rotzig singen kann, wie er gesungen werden muss. Kräftiger Applaus und Zugabe.
Plaudern und signieren
Julian und Roman Wasserfuhr signieren gern CDs, plaudern dabei mit dem Publikum und verraten artig ihr Alter. Das haben sie schon vor zwei Jahren nach ihrem Konzert in der Kathrin.-Türks-Halle getan, als ihr Debüt "Remember Chet" erschienen war. Diesmal ließen sie die Filzstifte über das Cover ihrer neusten Silberlings "Upgraded in Gothenburg" (ACT Music, München) flitzen. Viele, viele Male. Das Publikum kaufte reichlich.
So wie es mittlerweile Tradition ist, die Jazznacht mit lokalen Nachwuchsmusikern zu starten, so selbstverständlich ist es, dem Konzert im mittleren Teil eine etwas ruhigere, lyrische Komponente zu verleihen. Mit dem Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons und dem Akkordeonisten Jean-Louis Matinier erlebte das Publikum ein Duo, das offen und voller Experimentierfreude die abenteuerlichsten Klangräume zu erkunden pflegt. Dort ist der Flamenco gleich neben der Musette und dem Tango zu finden, Lateinamerikanisches behauptet sich neben Orientalischem. Mit traumwandlerischer Sicherheit übersprangen die Musiker die Brücke zwischen Jazz, Klassik und Worldmusik. Renaud Garcia-Fons zupfte und strich den Bass, er beklopfte ihn wie eine große Trommel, machte ihn zu einer in höchsten Tönen klagenden Viola oder schlug die dicken Saiten so impulsiv, als bearbeite er eine überdimensionale Flamencogitarre. Jean-Louis Matinier übernahm auf dem Knopfakkordeon abwechselnd Führung und Begleitung. Volltönend und kraftvoll bäumte er sich auf, rollte wuchtige Klangteppiche aus, um gleich darauf wieder ganz leise zu werden oder neben Fons singendem Bass in rhythmisches Stakkato zurückzufallen.
Es folgte ein 90-minütiges Finale mit zwei Brüdern aus Hückeswagen, die als Shooting-Stars der jungen deutschen Jazzszene gefeiert werden: Julian und Roman Wasserfuhr. 2007 gastierten sie als Duo in der Kathrin-Türks-Halle, jetzt kamen sie mit ihrem Quartett. Julian Wasserfuhr ist , obwohl gerade mal 22 Jahre alt, ein Ausnahmetrompeter. Mit seinem weichen, luftigen, manchmal fragilen Ton modelliert er Soli von größter Klarheit. Sein Spiel ist mal ausdrucksstark und druckvoll, mal unbeschwert swingend und federnd, immer präzise und ungekünstelt, in gefühlvollen Balladen ebenso wie in den temporeichen, ungestümen Jazzgeschichten, die das Quartett zu erzählen hat. Roman Wasserfuhr (25) gibt dem "kleinen Bruder" Halt. Er ist der energiereiche Gegenpol, der am Klavier für die Impulse sorgt, der begleitet und vorantreibt, ohne aufdringlich zu sein. Die Vertrautheit der Brüder, ihr intuitives Verstehen übertrug sich während des Konzerts auch auf das Spiel von Benjamin Garcia (30) am Kontrabass und Silvio Morger (25) am Schlagzeug. Beide wirkten äußerst entspannt, beide gossen einfallsreich das Fundament, auf dem Julians Trompete glänzen konnte. Das Spiel der Wasserfuhrs ist schwedischer geworden. Das liegt vor allem daran, dass Posaunist Nils Landgren ihre CD "Updatet in Gothenburg" produziert hat. Der Silberling ist schon jetzt ein Jazzmeilenstein. Das Fantastival-Publikum durfte ihn live genießen und machte dabei die verblüffende Erfahrung, dass junge Jazzmusiker keinerlei Scheu davor haben, auf der Basis von akustischen Instrumenten mit elektronischen Klangeffekten zu arbeiten. Der "Song for E.", eine Hommage von Lars Danielsson an den vor zwei Jahren tödlich verunglückten Pianisten Esbjörn Svensson, gehört zum Schönsten, Einfühlsamsten und zugleich Melancholischsten, das je für einen Jazz-Trompeter geschrieben wurde. Langer, kräftiger Applaus und nach zwei Zugaben ein Versprechen: In zwei Jahren kommen die Wasserfuhrs wieder – mit neuen Songs und neuer CD.
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