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Dinslaken: Es geschieht auf finsterer Bühne

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 11.02.2008

Dinslaken (RPO). Große schwarze Männer mögen dunkle Wälder. Darin fällt‘s nicht so auf, wenn sie kleinen Mädchen die Kehle durchschneiden. Der Wald

bei Mägendorf ist besonders finster. So wie „Das Versprechen“. Thorsten Weckherlin hat den Dürrenmatt-Klassiker als Krimi inszeniert.
Info

Die Inszenierung

Die Bühnenfassung des Schauspiels „Das Versprechen“ nach Friedrich Dürrenmatt hat Lars Helmer geschrieben. Für die musikalischen Spannungsbögen der Inszenierung zeichnet Gerhard Kappelhoff verantwortlich. Die Kostüme stammen von Bernadette Weber.

Ein Krimi in Tatortlänge, 90 Minuten, jede einzelne spannend. Weckherlin hält sich eng an den Roman. Der erzählt – anders als die mit einem Happy-End geglättete Filmversion „Es geschah am helllichten Tag“ mit Heinz Rühmann und Gert Fröbe –, vom Scheitern menschlicher Logik. Unversöhnlich, ernüchternd und sehr klug führt Dürrenmatt vor, dass die Wirklichkeit nicht kriminalistischem Spürsinn, sondern manchmal auch dem Zufall gehorcht – und aus vermeintlichen Genies Idioten macht.

Weckherlin weiß, dass sich für die Geschichte vom Igelriesen, der kleinen Mädchen zuerst Trüffel schenkt und sie dann ermordet, Chronologie verbietet. Sie würde langweilen. Der Regisseur springt mitten in die Handlung hinein. Ein vom Warten zermürbter Kommissar Matthäi sitzt vor seiner Tankstelle, während die kleine Annemarie, ein blondbezopftes Mädchen im roten Kleid (sehr natürlich: Jasmin Ernst), unbekümmert über ihre Kreidekästchen hüpft und ein Liedchen trällert. Wenige Sekunden später wird sie im Wald verschwinden wie einst Rotkäppchen. Der böse Wolf schleicht ihr nach.

Der erstarrte Mörder

Im schwarzen Fellmantel, auf dem Kopf einen schwarzen Hut, schiebt Erwin Kleinwechter seinen massigen Körper auf die Bühne und behüpft die Kreidekästchen. Das Hüpfen gerät zum plumpen Poltern. Der Mörder erstarrt. Erkennen flackert auf. Er hat das Kinderspiel zerstört. Als nächstes wird er ein Mädchen töten. Ein starkes Bild.

Szenenwechsel. Im Kommissariat bereitet Matthäi seinen Abschied vor. Nach Jordanien will er, um dort die Polizei neu zu organisieren. Doch dann findet Hausierer van Gunten eine Leiche. Das Gritli Moser wurde ermordet. Der Mann, der Rasiermesser verkauft, gerät in Verdacht und erhängt sich in seiner Zelle. Thomas Hamm macht aus der kleinen Hausierer-Rolle eine große. Die Spuren eines zermürbenden Polizei-Verhörs zeigt er nicht nur in einer blutig geschlagenen Nase. Es ist der Tonfall, das müde Nuscheln, der leere Blick des Gefolterten, die seine Figur glaubwürdig machen. So wie Hamm überzeugt das gesamte Ensemble, das Weckherlin und Dramaturg Lars Helmer auf Kay Anthonys spartanisch ausgestattete und nur sparsam ausgeleuchtete Bühne schicken: Iris Kunz, die als Annemaries Mutter deutlich unterfordert ist, Michael Gabel, der als Professor Locher den angeschlagenen Kommissär mit einem im Rollstuhl geschwenkten Cognac zum Klinikaufenthalt überreden will, Andreas Mayer, der den schlaksigen Befehlsempfänger in Uniform gibt und Tina-Nicole Kaiser, die Annemaries Lehrerin mit dem Charme einer alternden Jungfer ausstattet.

Ganz vorn in diesem clever gebauten und unterhaltsam geschriebenen Stück agiert ein glänzend aufgelegter, ungeheuer locker spielender Leif Scheele. Er ist Kommissar Henzi, ein ehrgeiziger, selbstgefälliger Emporkömmling, in dessen schlecht sitzender Hose sich die dumpfe Biederkeit aller Schweizer Kriminaler spiegelt, die jemals in einer Amtsstube den Staub von einem Aktendeckel pusten mussten. Ein feiner Gegenpart zu Matthäi.

Ein Köder für die Bestie

Anton Schieffer zeichnet den Kommissar als sachlichen Mann. Emotionen sind ihm fremd. Zäh und verbissen stellt er dem Mörder nach, eiskalt setzt er Annemarie als Köder für die Bestie ein. Die „kleine Teufelei“ führt zu nichts. Der Täter tappt nicht in die Falle. Auf dem Weg hinein stirbt er bei einem Autounfall. „Eine reichlich schäbige Pointe“, sagt Henzi und lässt auf der rechten Hand eine Kasperlepuppe tanzen. Es ist dieselbe, mit der der Mörder den Opfern Schokolade schenkte, bevor Blut floss. Und dann redet Henzi in Stimmen. Der Kasper wird zum „Albertchen“. Und das Albertchen beichtet seiner „Mutti“, warum es die kleinen Mädchen mit den roten Röckchen töten musste. Die Handpuppe als Erzähler einzusetzen, ist ein gelungener Regieeinfall. Ähnlich ausdrucksstark hatte Weckherlin zuvor den Mob ins Bild gerückt. Dumpfe Schlagetot-Masken als flüsternde Menge, die nach Kreuzigung ruft.

Der Kommissar „verkam, versoff, verblödete“, heißt es bei Friedrich Dürrenmatt. Anton Schieffer nimmt sich am Ende des Stücks zu sehr zurück. Wenngleich die Regie den Alkohol streicht, ließe sich der Triumph des Zufalls über die Logik und das damit verbundene Abgleiten des Kriminalen in den Wahnsinn deutlicher herausspielen. Schieffer kann das. Die Regie müsste ihm jedoch mehr Freiräume geben. Wer wartet, braucht manchmal alle Zeit der Welt. Und warum sollte nicht auch mal ein Tatort überziehen.

Langer, kräftiger Applaus für einen gelungenen Theaterabend.

Quelle: RP

 
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