Dinslaken: Fabers finstere Formel
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 11.09.2006Dinslaken (RPO). In Fabers Welt gehorcht alles strengen Gesetzen. Das Leben ist eine Formel. Gefühle? Nein, danke. Ein paar Takte Beatles wehen in die erste Szene: „Nothing’s gonna change my world“. Mit feiner Häme schickt Thorsten Weckherlin seinen „Homo Faber“ in ein Abenteuer mit tödlichem Ausgang.
Livemusik
Um von einem 50 Jahre alten Text wie „Homo Faber“ – den Frisch nicht einmal für die Bühne geschrieben hat –, den Staub zu blasen, hat sich Regisseur Thorsten Weckherlin erneut Hilfe aus dem „Orchestergraben“ geholt. René Lozynski, Chefmusiker der Burghofbühne, begleitete die unterkühlte Love-Story live mit Kontrabass, E-Bass, Synthesizer und Percussion-Instrumenten.
Um eine karge, strenge Textvorlage zum Leben zu erwecken, muss man sie in kraftvolle Bilder übersetzen. Regisseur Thorsten Weckherlin findet diese Bilder in Lars Helmers Bühnenfassung mühelos. Der leitende Dramaturg der Burghofbühne hat Max Frischs sterilen „Bericht“ von 1957 auf das Wesentliche reduziert. So bleiben Regie und Schauspielern genügend Raum, das Dunkle und Beklemmende der unterkühlten Love-Story phantasievoll herauszuarbeiten.
Dies geschieht auf einer schwarzen Einheitsbühne, die das Innere eines Schiffs andeutet. Kay Anthony hat sie mit Schwingtüren und einem überdimensionalen Bullauge ausgestattet, das den Blick mal auf die offene See freigibt, mal als Projektionsfläche für New Yorker Wolkenkratzer, den Eiffelturm oder Säulen in Athen dient. Dieses Auge zur Welt, das die Akteure der Burghofbühne einfallsreich bespielen, kurbelt die Phantasie des Publikums mit vielen bildkräftigen Szenen an. Vor diesem Auge lernt der 50-jährige Ingenieur Walter Faber Sabeth kennen. Er verliebt sich in das Mädchen, nimmt es mit auf eine Reise nach Griechenland. Dass es seine Tochter sein könnte, ahnt er. Wissen will er es nicht – schließlich geht er mit Sabeth ins Bett.
Thorsten Weckherlin überrascht das Publikum, indem er das Geschehen radikal verdichtet. Mit kurzen Szenen, die manchmal wie Schlaglichter wirken, erzählt er die Geschichte eines Mannes, der auch nach Entdeckung der Wahrheit an der Lüge festhält, der in Rechtfertigungsreden Halt sucht und solange erklärt und entschuldigt, bis es einen würgt. Michael Marwitz gibt diesen Walter Faber als zahlenverliebten Pragmatiker – innen kalt, nach außen um Coolness bemüht. Großartig spielt er heraus, wie unter der Last der Gefühle sein Weltbild ins Wanken gerät und er sich seines Panzers beraubt der Erkenntnis beugen muss, dass eben doch nicht alles kontrollierbar ist.
Lena Münchows Sabeth fehlt der Raum, um sich als lebenslustiges, aufgedrehtes, kunstbeflissenes Girlie den Platz an Deck zu erobern, der ihr zusteht. Die Figur bleibt ein wenig blass.
Von Olga Fegers Ivy hätte man sich ein wenig mehr Laszivität gewünscht. Josef Hofmann liefert mit Strohhut und Hawaiihemd holzschnittartig, aber überzeugend seinen Herbert Hencke ab. Christian Furrer macht als hohlwangiger Todesengel Professor O. (kurz vor Schluss mit weißer Maske) eine außerordentlich gute Figur. Sabine Weithöners Hanna führt Weckherlin hin und hergerissen zwischen Liebe und Hass, Trauer und tiefer Verzweiflung in ein hochemotionales Finale von erschütternder Dringlichkeit. Im Athener Krankenhaus, vor dem Zimmer der sterbenden Sabeth werden dann auch keine wuchtigen Monologblöcke mehr bewegt. Hier ist endlich Platz für dialogisierendes Miteinander. Faber ist angekommen.
Vom Magenkrebs gezeichnet, macht er endlich tabula rasa, im Angesicht des Todes gesteht er ein, dass er versagt hat. „Alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe, Ringheftchen sollen vernichtet werden, es stimmt nichts.“ Es ist der Wunsch eines Rationalisten ausradiert zu werden. Ein leiser Schrei und zugleich Fabers letzte Formel: Nichts ist berechenbar – schon gar nicht das Leben. Gelungene Premiere.
Das Dinslakener Publikum applaudierte lange und kräftig.
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