Dinslaken: Gemeinsam die Zukunft bauen
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 11.11.2008Dinslaken (RPO). Die Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 war anders als sonst. Kürzer, nüchterner. Der Blick war weniger auf vergangene Gräueltaten gerichtet als auf den Willen, eine bessere Zukunft zu gestalten.
Viele Schüler, einige Lehrer, Vertreter aus Politik und Verwaltung, Kirchenleute und einige Passanten waren zum jüdischen Mahnmal im Dinslakener Stadtpark gekommen. Die Bilder ähneln einander von Jahr zu Jahr. Und doch war die ökumenische Gedenkfeier diesmal anders.
Gemeinsames Erinnern
Das gemeinsame Erinnern an die Nacht, in der die Nazis auch in Dinslaken jüdische Geschäfte zertrümmerten und plünderten, Menschen verprügelten und die Synagoge in Brand setzten, erschöpfte sich nicht in Beschreibungen. Es dürfte wohl auch das erste Mal gewesen sein, dass nicht einmal die Vertreibung der Dinslakener Waisenkinder thematisiert wurde. Die Schrecken von 1938 waren vielmehr Anlass für die Akteure, die die Feierstunde gestalteten, das Bekenntnis abzulegen, dafür zu kämpfen, dass sich ein solches Verbrechen nicht wiederhole.
Schlichte Feier
Keine Lichter auf dem Leiterwagen. Das jüdische Mahnmal von Alfred Grimm im Dinslakener Stadtpark blieb bei der gestrigen Gedenkstunde ungeschmückt.
Für die Musikbeiträge während der Gedenkstunde zum 70. Jahrestag des Novemberpogroms sorgten Jana Geffroy und Tristan Manthey (Gesang) sowie Tobias Boehnke und Eva Mandt (Klarinette) sowie Yannik Hermey (Klarinette und Gesang).
Die Juden dürften in unsem Bewusstsein nicht nur als Opfer eine Rolle spielen, erklärte Jürgen Leipner, Vorsitzender des synodalen Ausschusses für das christlich-jüdische Gespräch im Kirchenkreis Dinslaken. Wie das aussehen könnte, führten die Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums und Schüler der Fridtjof-Nansen-Realschule Walsum vor. Schüler aus Arad erzählten die Geschichte einer Jüdin, die 1944 im Alter von 18 Jahren aus Deutschland nach Palästina geflüchtet ist und heute in Arad lebt. Ihre Botschaft: Damit meine Enkel ohne Vertreibung und Hass leben können, müssen auch wir etwas tun. Es liegt an uns, eine bessere Zukunft zu gestalten.
Das weiß auch Nadja Babrova, eine junge Jüdin aus Duisburg, die Lisa Schmitz von der Fridtjof-Nansen-Realschule zum Interview vors Mikrofon holte. Sie wolle an dieser Zukunft wenn möglich mit einem jüdischen Partner bauen, einem Mann, der ihren Glauben teilt, sagte die Schülerin. „Religion ist mir sehr wichtig,. Sie schenkt mir Kraft und Trost.“ Ob sie sich vorstellen könne auszuwandern? Die junge Frau antwortete mit einem klaren Ja. Zu Israel habe sie ein besondere Verbindung, Dort schlage das Herz der Juden. „Jerusalem ist die Stadt des Friedens.“
Ein jüdisches Gebet
Einen Frieden, den Jugendliche der Musikschule, unterstützt von drei Klarinetten, besangen. Für den – so wünschte es sich Superintendent Martin Duscha in einem Gebet – man die Regierenden in dieser Welt sensibilieren müsse. Damit sie einschreiten, sobald er bedroht sei, sobald Menschen verachtet und ihre Würde mit Füßen getreten würde. „Damit sich Geschichte nicht wiederholt“, sagte Duscha. Dann gab es ein „Vater unser“.
Das jüdische Gebet, das Rainer Hoffmann von der jüdischen Gemeinde Duisburg als Klagegesang in den Himmel über Dinslaken schickte, konnte niemand mitbeten. Verstanden hat es jeder: Bergen-Belsen, Majdanek, Treblinka und Auschwitz bedürfen keiner Übersetzung.
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