Voerde: Hajo bildet afrikanische Lehrer fort
VON HANS-JOACHIM SCHWAN - zuletzt aktualisiert: 14.08.2010Voerde (RPO). Der pensionierte Lehrer Hans-Joachim Schwan aus Voerde hat sich dem Internationalen Friedenskorps "Grünhelme" angeschlossen. Im Nelson Mandela Educational Centre in der ruandischen Stadt Ntarama gibt er seinen Erfahrungsschatz an junge Berufsschullehrer weiter.
voerde/ruanda Mein Abenteuer Afrika/Ruanda beginnt am 28. Juli um 23.30 Uhr, als Ethiopian Airlines Flug ET 220 von Frankfurt in Richtung Addis Abeba abhebt. Mit an Bord der bis auf wenige Plätze ausgebuchten Boeing 737 zwei weitere Grünhelme: Harald Grixa (62), pensionierter Ingenieur aus Ingolstadt, der für VW in der ganzen Welt tätig gewesen ist, und Andreas Wunsch (33), Bauingenieur für Tiefbau aus Köln. 29. Juli, gegen 10.35 Uhr: Landung in Addis Abeba, Äthiopiens Hauptstadt, erster Zwischenstopp auf dem afrikanischen Kontinent.
Unübersehbar sind chinesische Menschen in der Transithalle in der Überzahl. Sie sind offenbar auf dem Wege in eins der rohstoffreichen Länder des schwarzen Kontinents zum Wohl der boomenden chinesischen Wirtschaft oder auf dem Heimweg von einem Afrika-Einsatz. Auch eine Handvoll weißer Europäer, wohl auf dem Weg nach Kenia oder Tanzania, warten wie wir auf ihren Anschlussflug.
Trotz der Nähe des Flughafens zur Stadt erlaubt es die kurze Zeit bis zum Abflug unseres Fliegers nach Kigali nicht, in die Metropole zu fahren. Nach zwei Stunden im Transitbereich geht es schon zum Einchecken für den Flug via Entebbe in Uganda zu unserem Ziel: Ruanda.
Die "Grünhelme"
Gegründet April 2003 durch den Flüchtlingshelfer Rupert Neudeck und Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland.
Sitz Köln
Idee Neudeck und Mazyek geht es um ein Friedensdorf, wie es John F. Kennedy bereits in den 1960er Jahren ins Leben rufen wollte. Ihr Selbstverständnis formulieren die "Grünhelme" selber so: "Christen und Muslime (und andere Menschen guten Willens) bauen gemeinsam auf, was andere zerschlagen haben."
Einsatzgebiete Die "Grünhelme" betreuen Projekte neben Ruanda unter anderem in Afghanistan, Irak, Sumatra, Kaschmir.
Im Flieger habe ich ein Geschwisterpärchen – ein etwa dreijähriger tiefschwarzer Junge, beaufsichtigt von seiner zierlichen Schwester, vielleicht fünf Jahre alt – als Nachbarn. Vater und Mutter der beiden munteren Kleinen haben nebst zwei älteren Töchtern irgendwo zwei, drei Reihen hinter mir ihre Plätze gefunden. Mir fällt während des Fluges die Rolle zu, dem kleinen Jungen beim Essen und Trinken zu assistieren, was mehr oder weniger mit Gestik und Mimik meinerseits gelingen muss, denn beide Kinder sprechen nur Französisch.
Ihre Eltern scheinen mit mir als Aufsicht zufrieden zu sein, denn nicht einmal kommen sie während des Fluges auf meine Höhe, nicht einmal beim fast Halbstunden-Stopp in Entebbe, Uganda – mir noch in schlimmer Erinnerung als blutige Endstation der Entführung eines israelischen EL-AL-Flugzeuges im Jahr 1976.
Der Anflug auf Kigali bestätigt die Charakterisierung Ruandas als Land der tausend Hügel. Trotz der seit zwei Monaten im südlichen Afrika herrschenden Trockenzeit schließt sich eine grüne Kuppe an die nächste, die Landschaft ist vergleichsweise geformt wie die Eifel.
In der Ankunftshalle nimmt uns Till, durch das T-Shirt der "Green Helmets" ("Grünhelme") gut zu erkennen, in Empfang. Ruckzuck sind die bis ans Gewichtslimit von zweimal 23 Kilogramm pro Person gefüllten Koffer und Taschen verstaut und auf geht's vom südöstlich Kigalis gelegenen Flughafen nach Süden, auf der gut ausgebauten Landstraße, in Richtung des Nachbarstaats Burundi.
Zugegeben, beim Anflug auf Kigali kommen mir Erinnerungen und Vorstellungen an den 7. April 1994 in den Sinn, als der Abschuss der Maschine des ruandischen Präsidenten bei seiner Rückkehr aus Arusha, Tansania, den von langer Hand geplanten Genozid in Ruanda auslöste. Nach letzten Forschungen wurden damals innerhalb von zwei Monaten etwa eine Millionen Tutsi oder mit den Tutsis sympathisierende Hutus auf bestialische Weise abgeschlachtet.
Ehrlich gesagt möchte ich durch meinen Einsatz in Ruanda ein klein wenig Wiedergutmachung leisten. Denn auch ich habe, ebenso wie die Vereinten Nationen (UN) und die ganze übrige Welt, bei dieser menschlichen Tragödie tatenlos zugesehen, mich damals noch nicht einmal zu einem Protestbrief aufgerafft, obwohl ich damals via Fernsehen täglich Augen- und Ohrenzeuge war.
Aber heute, 16 Jahre später, an diesem angenehm warmen Nachmittag, überspannt ein hellblauer Himmel, leicht bedeckt mit weißen Cumuluswolken, ein offensichtlich friedliches Ruanda. Ganze Heerscharen ruandischer Menschen, vorwiegend in jugendlichem Alter, sind beiderseits der Fahrbahn der gut ausgebauten Landstraße zu Fuß oder auf Fahrrädern unterwegs.
Den motorisierten Verkehr der ruandischen Hauptstadt bestimmen Motorradtaxis, aber es sind auch Fahrradtaxis unterwegs – Frauen sitzen dort im Damensitz auf dem breiten Gepäckträger. Für längere Touren über Land bieten weiße Kleinbusse ihre Dienste an. Der Weg nach Nyamata (der Ortsname, übersetzt aus der Landes-sprache Kinyarwanda, heißt so viel wie Kuhdorf; denn amata ist die Kuh) ist etwa 30 Kilometer lang. Wir fahren vom Flughafen hinunter ins sumpfige Tal des Niyiragongo, eine Brutstätte der Mosquitos und als eine Quelle des Nils zu Berühmtheit gelangt. Störche und Ibisse fliegen weite ruhige Kreise, Kuhreiher bevölkern die großen Wasserinseln inmitten von Schilf und Papyrus.
Längs der Straße stehen Menschen im Morast und schneiden Schilfgras, das dann zur Straße hochgeschleppt wird, um, quer auf die breiten Gepäckträger der Fahrräder chinesischer Machart gespannt, zur Fütterung des Viehs abtransportiert zu werden.
Vor Nyamata geht es rechts ab in Richtung "Genocide Memorial", ein Mahnmal in Ntarama, und nach einem Kilometer auf einer leicht ansteigenden, unbefestigten, Straße ohne Asphaltbelag liegt rechter Hand an einem Hügelhang mein Ziel: das Nelson Mandela Educational Centre (NMEC). Geradeaus geht es den Hang hinauf zur Mensa und den Schlafräumen der ruandischen Schüler und Lehrer, rechts erstreckt sich das Lehrergebäude mit Schulbüro, den Zweibettzimmern der Grünhelme, Bibliothek, Küche, Sanitäranlagen.
Im NMEC werde nun ich, Hajo ("Grünhelme"-Mitbegründer Rupert Neudeck hat mich schon nach dem ersten Treffen im März mit dieser Kurzform für Hans-Joachim angesprochen), ruandische Lehrer fortbilden. Und ich werde mich wieder wie vor 15 Jahren am Landesinstitut in Soest in der Curriculum-Entwicklung für die Elektroniker betätigen, mit besonderer Ausrichtung auf Photovoltaik.
Aber noch ist es nicht so weit. Als wir drei neuen "Grünhelme" eintreffen, sind Ferien. Bis auf den Schulleiter Matthias Mikysek, nebst Ehefrau Esperanza und Tochter Hannah und Till, Architekt aus Berlin, der seinen seit April andauernden Einsatz um drei weitere Monate verlängert hat, halten lediglich die Nachtwächter Emanuel und Protogéne die Stellung.
Ich beziehe ein Zimmer, ausgestattet mit Schreibtisch, Regal, Kleiderständer, Duschzelle (kaltes Wasser, wenn überhaupt) und Bett, das von einem weißen Netz überspannt wird zum Schutz gegen Mosquitos. Aufgrund dieses Stechmückenschutzes und weil wegen der zurzeit herrschenden Trockenzeit in unserer Höhe keine Malaria übertragende Plagegeister vorkommen, halte ich ab sofort das Malaria-Medikament Lariam in Reserve.
Für eine kurze Führung über den Campus bleibt nur wenig Zeit. Fast schlagartig wird es gegen sechs dunkel, die Zikaden beginnen ihr Konzert, im benachbarten Dorf werden die Ziegen und Kühe heim getrieben. Wir treffen uns alle in der Küche, zugleich Esszimmer und Kommunikationszentrum.
Am Nelson Mandela Educational Centre werde ich voraussichtlich bis Ende Oktober bleiben.
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