Dinslaken: Helfen – auch gegen Überzahl
VON HENDRIK GAASTERLAND - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009Dinslaken (RPO). Wie weit geht bei Fahrgästen im Dinslakener Bahnhof die Zivilcourage – würden sie ihr Leben riskieren, um andere zu beschützen? Nach der tödlichen Attacke gegen einen hilfsbereiten Mann in München fragte die RP nach.
Die brutale Tat hat in Deutschland Entsetzen und Rufe nach strengerer Justiz ausgelöst: Zwei polizeibekannte Jugendliche, 17 und 18 Jahre alt, prügelten am Samstag an einem Münchener S-Bahnhof einen 50 Jahre alten Geschäftsmann zu Tode, weil er vier Kinder vor den Verbrechern beschützt hatte.
Seine Zivilcourage wurde dem Mann zum Verhängnis. Wie bewerten Bahnfahrer in Dinslaken den Vorfall? Die Rheinische Post hörte sich am Bahnhof um, wie weit die Zivilcourage der Fahrgäste reichen würde.
Resul Günes aus Voerde müsste nicht lange überlegen, wenn er vor einer vergleichbaren Situation wie der in München stünde. "Ich würde auf jeden Fall hin und helfen. Auch wenn die anderen in Überzahl sind, das wäre egal. Wenn es nicht anders geht, würde ich Hilfe mit dem Handy rufen oder andere Leute auffordern, mit dazwischenzugehen", sagt der 18-Jährige.
22 Verletzungen
Laut vorläufigem Obduktionsergebnis fügten die Täter dem Opfer 22 Verletzungen an Kopf und Oberkörper zu. Die konkrete Todesursache stehe aber noch nicht fest, erklärte die Münchner Staatsanwaltschaft.
Die beiden Täter stammen aus der Hip-Hop-Szene und sind wegen diverser Fälle bei der Polizei bekannt. Der 18 Jahre alte Schläger soll in diesem Jahr schon zwei Monate im Gefängnis gesessen haben.
Sein Bekannter Tobias Przybilla wäre vorsichtiger: "Wenn sich zwei junge Leute in einer 1:1-Situation prügeln, würde ich nichts machen. Das kommt ja auch häufiger vor. Aber wenn es drei gegen einen sind, dann würde ich Hilfe rufen und auch dazwischengehen", sagt der 19-jährige Voerder.
Nur mit dem Kopf schütteln
Von einer Ausnahmesituation spricht ein Mann, der namentlich nicht in der Zeitung stehen möchte. Er ist im gleichen Alter wie der getötete Münchner und sagt: "Das ist ganz schön traurig. Der Mann hat ja noch die Polizei vorher alarmiert und eigentlich richtig gehandelt, bevor er dazwischengegangen ist. Wie ich reagieren würde, weiß ich nicht, weil ich, Gott sei Dank, noch nie in eine solche Situation geraten bin. Ich denke, dass ich auch erst Hilfe rufen und mich dann einschalten würde, aber definitiv sagen kann man das meiner Meinung nach vorher nicht."
Dirk aus Dinslaken ist 42 Jahre alt und wartet allein am Bahnsteig auf seinen Zug nach Voerde. Seinen Nachnamen möchte er nicht preisgeben. Für ihn als Bahnfahrer sind die Vorkommnisse aus Bayern unerklärlich. "Da kann man wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln. Ich würde auf jeden Fall erst mit dem Handy Hilfe rufen. Aber wenn es zu heftig wird und es nicht mehr anders geht, würde ich auch alleine eingreifen. Zumindest würde ich dann versuchen, die Leute auseinander zu bringen", meint er.
Ein ungutes Gefühl haben Michael Wagner und Nina Ernst, wenn sie sich in eine ähnliche Situation hineinversetzen. Als Pendler aus Oberhausen warten sie oft an den Bahnsteigen, aber einen so heftigen Vorfall haben sie noch nicht ansatzweise erlebt.
"Ich weiß, dass man nicht alleine eingreifen soll. Zuerst würde ich die Polizei verständigen und dann versuchen abzuschätzen, wie groß die Gefahr für mich ist, wenn ich mich einmische. Vielleicht haben es Frauen leichter, wenn sie dazwischengehen, weil ihnen ja wahrscheinlich keine Schläge drohen", sagt Michael Wagner. Nina Ernst setzt skeptisch hinzu: "Ich weiß aber jetzt nicht, ob ich das machen würde."
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