Dinslaken: Hiebe, Sex und Saitensprünge
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 12.03.2007Dinslaken (RPO). Das Leben ist lang, die Liebe ist kurz. Ernüchternde Erkenntnis. Ulrich Hub hat daraus ein Kammerspiel gemacht, Lars Helmer einen höchst unterhaltsamen Theaterabend. Für die Burghofbühne inszenierte er „Die Beleidigten“.
Nicht nur für Singles
„Das ist ein Stück für Singles.“ Schon die Begrüßung des Intendanten der Burghofbühne sorgte in der längst nicht ausverkauften Kathrin-Türks-Halle für erste Lacher. Das Publikum – bis auf neun Singles allesamt (Ehe-)paare (Thorsten Weckherlin hatte kurz nachgezählt) – ließ sich von der nicht ganz ernst gemeinten Ankündigung des Intendanten jedoch nicht die Premiere verderben. Es blieb. Bereut hat es dem Beifall nach zu urteilen wohl niemand.
Helmer empfängt das Publikum in Moll: pechschwarzer Vorhang, schwarzes Podest, rechts davor eine Videokamera auf einem Stativ. In der Mitte der Bühne eine Leinwand. Später werden darauf in rückblickenden Monologen drei Musiker über den Tod des vierten räsonieren. Jetzt heißt es Film ab: Die Zuschauer sehen einen Geiger auf dem Weg in den Orchestergraben. Auf der Herrentoilette zieht er sich um, dann zieht er ein Messer. Darmsaiten knarzen, eine volltönende Männerstimme singt „Agnus Dei“. Pathetischer geht’s nimmer. Der Regisseur trägt bereits im Vorspiel dick auf. Er karikiert, noch bevor er den von federnder Rhythmik getragenen Eingangssatz eröffnet. Die Botschaft ist klar: Sensible Künstler mögen Pathos. Und einer so dünnhäutigen zweiten Geige wie Florian hätte diese Schöner-Sterben-Musik zweifellos gefallen. Außerdem befinden wir uns mitten in einer Tragikomödie. Da darf auch mal gelacht werden. Da ist kein Platz für Tränen. Da wird höchstens mal über welche nachgedacht.
Gelegenheit dazu gibt’s reichlich. Das Streichquartett, das sich hier zur Probe trifft, beißt sich an einem Stück die Zähne aus, das schon von seiner Anlage her Dissonantes verspricht: Variationen über das Thema „Restlos abgewirtschaftete Zweisamkeit“. Renate, die Bratsche, und Marion, das Cello, sind Schwestern, liiert mit den Geigen – Robert und Florian. Das allein wäre nicht weiter tragisch, dass alle querbeet mal etwas miteinander hatten, dagegen schon. Verletzte Eitelkeiten lassen unterschwellige Spannungen aufbrechen, die Nerven liegen blank. Aus dem „Jeder mit Jedem“ wird ein „Alle gegen Alle“. Man beschimpft, belügt und betrügt sich und prügelt aufeinander ein. Robert: „Ich würde ihr am liebsten ihre dämliche Bratsche um die Ohren schlagen.“
„Die Beleidigten“ lebt von den Dialogen, von temporeichen Wortgefechten in Dur und Moll. Die vier Schauspieler sind dieser Herausforderung in jeder Weise und zu jeder Zeit gewachsen. Lena Münchow, die in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen hat, dass sie praktisches alles spielen kann, gibt die Bratsche als hyperempfindliche Zicke, die der bloße Anblick eines Döner mit Knoblauchsauce in eine tiefe Sinnkrise stürzen lässt. Esther Reubolds Cello ist sinnlich-derb, manchmal etwas butt, für das Schöne im Leben stets offen und immer auf körperliche Genüsse aus. Bier, Chips, Sex – egal. Irgendwann fummelt sie sich sogar einen versteckten Lolli aus dem Stiefel. Ein Glücksgriff ist die Besetzung der ersten Geige. Thomas Hamm gibt den Zyniker, das Großmaul, die Nervensäge und den Clown; er macht bei jedem Auftritt von nichts zu viel und von allem das Wesentliche. Großartig. Christian Furrer stellt die Gefühle der zweiten Geige in einer Art romantischer Verlorenheit nach. Er ist ein ganz wunderbarer Loser, der so leise vor sich hinleidet wie er im Streichquartett spielt.
Im Schlusssatz reißen Bratsche, Cello und erste Geige die Führung an sich. Sie albern am linken Bühnenrand herum, während Florian sich für seinen Selbstmord umzieht. Sonores C-Moll wäre angebracht. Lars Helmer wählt G-Dur. Statt abgründiger, untröstlicher Trauer gibt’s gute Laune mit Simon & Garfunkel. Mit einem fröhlich geträllerten „Feelin’ groovy“ entlässt die Burghofbühne ein begeistertes Publikum. Kräftiger Applaus für die gelungene Premiere.
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