Dinslaken: Karriere ohne Körperteile
VON LENA STEEG - zuletzt aktualisiert: 23.08.2010Dinslaken (RPO). reportage am montag Die Mister Miller Show auf der Dinslakener Nostalgiekirmes sucht Nachwuchs fürs Kuriositäten-Gewerbe. Was die Job-Anwärter können müssen, verrät ein Besuch der Varieté-Show.
Immer unterwegs sein, den Duft der Freiheit atmen (der im konkreten Fall wahrscheinlich sogar nach Popcorn und Zuckerwatte riecht), auf der Bühne stehen. So ein Job beim fahrenden Varieté-Theater wäre doch die beste Medizin gegen all den Studiumabschluss-Stress. "Junge Frau mit Show-Interesse zum Mitreisen gesucht" steht auf einem Eisenschild, das neben der Eingangstür der Mister Miller Show-Bühne auf der Nostalgiekirmes am Altmarkt angebracht ist. Nähere Qualifikationsanforderungen sind nicht ausgeschrieben. Also vielleicht einfach mal die Show ansehen und schauen, was die da so machen, im nostalgischen Kuriositätenkabinett. Das Bewerbungsformular kann man ja später immer noch ausfüllen.
Platz nehmen auf dem Parkplatz
Geschichtsträchtig
Große Illusionen sind rar geworden auf modernen Rummelplätzen. Deshalb sind Dominik Schmitz und sein Team mit dem Kuriositätenkabinett auf Tour. Der eigentliche Gründer der "Mister Miller Show" verstarb im Jahre 1996, Schmitz investierte vor drei Jahren in eine aufwendige Renovierung und will den Glanz vergangener Zeiten nun wiederbeleben. Der Bühnenbereich der Show ist dabei an den Hänger eines Sattelschleppers gespannt, dessen Bemalung einst der Reeperbahn-Maler Erwin Ross übernahm.
"Kein Film, kein Video, alles lebendig", feuert ein mit Anzug, Fliege und Lackschuhen heraus geputzter Varieté-Mitarbeiter die potentiellen Zuschauer zum Kauf einer Karte an. Das Mikrophon hat er mit einem Stofftaschentuch ummantelt, so dass seine Ausführungen den typischen Jahrmarkt-Sound bekommen: Man versteht nicht viel, aber das, was man versteht, klingt sehr vielversprechend. "Der schmerzfreie Mensch, die Dame ohne Unterleib und das Mädchen ohne Kopf – keine Wachsfiguren, keine Puppen, alles echte Menschen." Die Passanten bleiben stehen, mustern interessiert bis skeptisch die Zeichnungen des kopflosen Mädchens, die die Fassade des Varietétheaters zieren. Nur fünf Stufen sind es bis zur Kasse, hinter der Eingangstür geht es wieder fünf hinab ins Innere des Theaters. Beziehungsweise auf den Parkplatz von Sankt Vincentius, auf dessen Pflaster drei rote Sitzbänke das leider spärliche Publikum zum Platz nehmen einladen. Die Atmosphäre ist gespannt, die Versprechen schließlich waren groß.
Der Ausrufer von eben tritt hinter dem Vorhang hervor, das Mikrophon ist nun nicht mehr umkleidet, man versteht gut, was er sagt, auch wenn es schon ein bisschen eklig klingt. "Als Erstes präsentiere ich Ihnen Ilonka, das Mädchen ohne Kopf." Mit schnellen, routinierten Handbewegungen schiebt er einen zweiten Vorhang beiseite. Auf dem Hocker dahinter sitzt eine scheinbar kopflose Frau, aus deren Hals allerlei Schläuche und Kanülen ragen. "Dieser hier geht direkt in die Speiseröhre", sagt der Moderator und flößt dem Mädchen mittels einer Spritze den Nachmittagssnack ein. Die junge Dame reibt sich schon nach wenigen Millilitern den Bauch. Sehr genügsam, so eine Frau ohne Kopf.
Stromschläge und Gasinhalation
Als nächstes erklimmt der schmerzfreie Mann die Bühne, der überraschenderweise auffällige Ähnlichkeit mit dem Kartenabreißer aufweist. Zum Beweis seiner totalen Unempfindlichkeit lässt der Moderator "mehrere tausend Volt" durch Körper des jungen Mannes jagen und ihn hochexplosives Gas inhalieren. Das Publikum beklatscht den scheinbar Unbesiegbaren und wechselt dann ein paar Worte mit der Dame ohne Unterleib, die eigens aus Paris angereist ist und es sehr bedauert, aufgrund ihrer körperlichen Makel keinen Gang über die schöne Nostalgiekirmes wagen zu können. Fünf Minuten später, zurück im Freien, das Gesehene im Kopf zusammenfassend: Stromschläge, Gasinhalation, fehlende Gliedmaßen, pürierte Nahrung via Schlauch. Nein, die Bewerbungsunterlagen verschwinden schnell wieder in der Tasche. Vielleicht ist das mit dem bisschen Abschlussstress doch alles gar nicht so schlimm.
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