Hünxe: Kein Grund, Milch wegzuschütten
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 28.05.2008Hünxe (RPO). Der Milchbauern-Verband hat gestern aus Protest gegen die seiner Ansicht nach zu geringen Preise einen unbefristeten Lieferboykott der Molkereien gestartet. Nicht alle Milchbauern ziehen mit. Für den Hünxer Landwirt Wolfgang Schüring ist der Boykott der falsche Weg.
„Ich kann keine Lebensmittel wegwerfen“, sagt Wolfgang Schüring. Solange Menschen auf der Welt hungerten, sei das für ihn schon aus ethischen Gründen nicht vertretebar. Außerdem komme so etwas beim Verbraucher nicht gut an. Der Landwirt vom Lipperhof in Gartrop hat 85 Milchkühe. Alle zwei Tage liefert er 5000 Liter Milch an die Molkerei. Pro Liter bekommt er 30 Cent. „Natürlich ist das wenig“, sagt Schüring. Aber auf dem freien Markt seien nicht immer faire Preise zu erringen. Und Preise änderten sich nun mal. Im vergangenen Herbst und Winter lag der Literpreis für Milch zwischen 40 und 42 Cent. Darüber seien die Milchbauern nicht unzufrieden gewesen.
Täglich 35 000 Tonnen
Dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM) gehören nach eigenen Angaben 32 000 Milchbauern an, die täglich rund 35 000 Tonnen Milch oder 45 Prozent der deutschen Milchproduktion erzeugen.
Der Bundesverband der Deutschen Milchwirtschaft (BDM) kämpft nun um eine Erhöhung auf mindestens 43 Cent pro Liter. „Ich kann die sogar verstehen“, sagt Schüring, der selbst kein BDM-Mitglied ist. „Aber es gibt keinen Anlass Milch wegzuschütten.“ Er setzte da lieber auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes.
Den freien Markt, sagt Milchbauer Thorsten Fengels, den gebe es gar nicht. „Wenn ausgehandelt wird, zu welchem Preis die Milch in den Laden kommt, sitzen wir nicht mit am Tisch.“ Der Landwirt aus Gartrop unterstützt den Lieferboykott. ER hat die Nase voll davon, dass die Preise immer weiter in den Keller gehen. Die Leistung seiner 85 Kühe hat er bereits „runter gefahren“, das Vieh bekommt weniger Kraftfutter. Die Milch wird Fengels bis auf Weiteres in den Güllekeller schütten, ein Teil wird an die Kälber verfüttert. „Natürlich tut mir das weh“, sagt der Landwirt. Dennoch ist er entschlossen, in den sauren Apfel zu beißen. Noch schmerzvoller wäre es für ihn, weiterhin Milch zu Preisen zu verkaufen, die nicht einmal die Produktionskosten decken. Denn die stiegen weiter, während der Erlös kontinuierlich sinke. „Wir arbeiten den ganzen Tag und machen unterm Strich ein Minus“, erklärt Fengels und spricht damit auch für viele seiner Kollegen. Hier gehe es nicht darum, neue Subventionen zu erkämpfen. Es gehe um vernünftigen Lohn für gute Arbeit.
Wie lange der Boykott dauern wird, weiß Fengels nicht. Molkereien, die nicht beliefert werden, können ihrerseits den Einzelhandel nicht mit Milchprodukten versorgen. Bis sich in Regalen die ersten Lücken auftun und der Kunde im Laden den Engpass bemerkt, würden wohl einige Tage vergehen. „Ich hoffe, es dauert nicht so lange, dass wir pleite gehen“, sagt der Landwirt. Das hofft auch der BDM. Dennoch will der Verband den Lieferstopp fortsetzen, bis der Milchindustrie- und der Genossenschaftsverband einlenken.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum




