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Dinslaken: Kein roter Staub im Kreidekreis

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 08.02.2010

Dinslaken (RPO). Brecht zieht. Das Haltbarkeitsdatum des "Kaukasischen Kreidekreises" ist noch nicht überschritten. Thorsten Weckherlin entpolitisiert den wohl bekanntesten Mutterschaftstest der Theaterliteratur und macht daraus ein skurriles Märchen. Kräftiger Applaus für die Burghofbühne.

Info

Neue Musik

Paul Dessaus Originalmusik hat Thorsten Weckherlin gestrichen. Der in Belgrad geborene Musiker Bojan Vuletic hat für die Kreidekreis-Inszenierung neue Songs komponiert. Brecht-Tochteer Barbara Brecht-Schall war damit einverstanden. Das Ergebnis klang außerordentlich authentisch. Musik und Text bildeten eine Einheit.

Noch während die Zuschauer in der ausverkauften Kathrin-Türks-Halle ihre Plätze einnehmen, tönt ein Meckern von der Bühne. Die Ziege (eine echte), die sich da inmitten streitender Kolchosebauern so übellaunig Gehör verschafft, ist sauer. Das neue Gras schmeckt ihr nicht. Das alte war besser, der Krieg hat jedoch das Weideland zerstört. Weinbauern und Ziegenzüchter streiten über die künftige Nutzung der Fläche. Derjenige soll das Land bebauen, der den größten Nutzen für die Gesellschaft aus ihm zieht. Dann folgt die Geschichte vom Kreidekreis. Ein Märchen aus dem Chinesischen.

"Beinahe Gerechtigkeit"

Schon im Vorspiel bürstet Thorsten Weckherlin den roten Staub aus dem Stück. Nazi-Tanks und Sowjet-Traktoren werden gestrichen. Für Rosa Luxemburg ist kein Platz. Das purpurne Fähnlein, das ein Mädchen unter einer schmutzig gelben Papp-Sonne schwenkt, genügt als Verneigung vor Brecht. Der hat gesagt: "Nichts steht ewig!" Auch nicht die Geschichte von Grusche, die unter Selbstaufgabe ein Kind rettet, und Azdak, der das Chaos zu einer "kurzen goldenen Zeit beinahe der Gerechtigkeit" macht. Weckherlins Striche holen den von Brecht 1945 in den USA geschriebenen "Kreidekreis" zurück in die Gegenwart. Das gelingt, ohne den Meister zu verbiegen.

Kay Anthonys Einheitsbühne ist ein wildes Konstrukt aus Pappe, Dachlatten und Klebeband. Über der Tür ruft ein Schild nach "Gerechtigkeit". Davor erhebt sich eine zu beiden Seiten ansteigende Rampe. Das an eine Halfpipe für Skater erinnernde Gebilde ist Tal, Gouverneurspalast, Bauernhaus und Gerichtsstube in einem. Der radikale Bruch mit der Illusion setzt sich in den Kostümen fort. Die Panzerreiter tragen Lappiges aus Stoff und Pappe. Einem Blut spuckenden Verwundeten hat Bernadette Weber (Kostüme) als Armstumpf eine Papprolle unters Hemd getackert. Das Publikum soll nicht träumen, sondern denken, reflektieren. Anleitungen gibt der Erzähler. Bojan Vuletic zupft am Bühnenrand singend die Gitarre. Heinz Hox begleitet ihn auf dem Akkordeon. Ganz im Brechtschen Sinne ist auch das Spiel auf der Bühne. Alles Mimische wird übertrieben, alles Gestische überzeichnet. Kraftvoll und derb ist die Sprache, in die Brecht seine Gesellschaftskritik verpackt hat. Die Unterhaltung kommt nicht zu kurz. Die Inszenierung (Dramaturgie Lars Helmer) betont das Märchenhafte, Spielerische. Selbst in tragischen Momenten schwebt über der Bühne ein Lächeln. Dafür sorgt ein hoch motiviert aufspielendes Ensemble. Es überzeugt bis in die kleinste der 60 Rollen hinein, die sich 13 Schauspieler in diesen 130 Minuten teilen. Für die beiden Protagonisten ist der Abend eine Herausforderung. Stefanie Obermaier-Staltmeier gibt die Magd Grusche als gutmütiges, zartes Ding, die ihre wahre Stärke hinter Naivität verbirgt. Wie sie sich zurücknimmt, still leidet, scheu dem Soldaten Simon (Marco Pickart Álvaro) ihre Liebe gesteht, mit einem Bauern um ein Schälchen Milch für ihr Baby feilscht und es dann – dem Selbsterhaltungstrieb folgend – gierig leer schlürft, ist eine reife Leistung. Wie sie dem Richter ohne einen Anflug hysterischen Polterns oder gekünstelter Wut Paroli bietet, hat Klasse. Carsten Caniglia hat seinen großen Auftritt nach der Pause. Barfuß und in Lumpen drückt er dem Richter Azdak seinen Stempel auf. Vulgär, versoffen und korrupt ist dieser Kerl, dazu ein Schlitzohr und Lebemann. Caniglia nimmt die Bühne regelrecht ein. Er rennt und rauft, turnt und taumelt, spuckt und sabbert, dass es die reine Freude ist. Respektlos schiebt er seinen Hintern auf das Gesetzbuch, das ihm lediglich als Sitzunterlage dient. Die Richterrobe trägt er wie einen offenen Bademantel. Darunter wabbelt ein stattliches Nackt-Bäuchlein, dessen Nabel auch während der Verhandlung hingebungsvoll gekratzt werden will.

Die Entscheidung fällt im Kreidekreis. Um herauszufinden, ob Grusche oder die Gouverneurin (Tina-Nicole Kaiser) die richtige Mutter Michels (Jasmin Ernst) ist, sollen beide an dem Kind zerren. Wer es zu sich zieht, hat gewonnen, sagt Azdak und grinst listig durch die Rotweinaugen. Grusche lässt los. Aus Liebe, um dem Kind nicht wehzutun – und bekommt den Zuschlag. Was zählt es schon, dass sie nicht die leibliche Mutter ist? Sie ist die wahre. Starker Applaus und Bravo-Rufe für einen über weite Strecken starken, insgesamt rundum unterhaltsamen Theaterabend.

Quelle: RP

 
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