Dinslaken: Kinderführerschein ?
VON LENA STEEG - zuletzt aktualisiert: 22.09.2006Dinslaken (RPO). Kinder kriegen ist nicht schwer; sie zu erziehen scheinbar um so mehr. Immer mehr Eltern sind, so das Ergebnis der jüngsten Shell-Studie, überfordert. 46 Prozent der Deutschen sind deshalb für verpflichtende Erziehungskurse.
Elterntraining „STEP“
Das systematische Elterntraining (STEP) wurde im Jahre 1976 durch drei Ehe- und Familientherapeuten in den USA entwickelt. Etwa vier Millionen Paare haben mittlerweile daran teilgenommen. Ziel ist es, durch eine liebevoll konsequente Haltung der Eltern verantwortungsvolle, selbstbewusste und konfliktfähige Kinder zu erziehen.
„In Deutschland braucht man doch für alles einen Berechtigungsnachweis: Zum Hundehalten, Autofahren, Angeln. Kinder hingegen darf jeder in die Welt setzen“, sagt Adeltraud Westbrock von der katholischen Kindertagesstätte „Marienheim“. Die Erzieherin ist seit 30 Jahren in ihrem Beruf tätig und weiß um die Erziehungsprobleme, mit denen ihre Kollegen heute zu kämpfen haben. Umso sinnvoller findet sie deshalb den „Elternführerschein“.
Den hat gerade erst wieder Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler an der Universität Bielefeld, als Konsequenz aus der Shell-Studie, gefordert. Das Konzept besagt, dass sich Paare, die ein Kind erwarten, zu der Teilnahme an einem Erziehungskursus verpflichten sollten. Damit sich der Vorschlag durchsetzt, fordert Hurrelmann eine Koppelung von Kindergeld und Elternkursen. So hätten Eltern, die den Kurs nicht besuchen, mit einer Kürzung des Kindergeldes zu rechnen. Denn auf freiwilliger Basis alleine würden viele Problemfamilien einfach nicht erreicht werden, meint Hurrelmann.
„Heutzutage wird in den Familien unendlich viel diskutiert“, stellt Adeltraud Westbrock fest. Während früher klare Grenzen vermittelt wurden, dürften die Kleinen heute „immer und überall mitbestimmten“. Was zur Konsequenz habe, dass der Nachwuchs heillos überfordert sei, wenn auf einmal Disziplin von ihm verlangt würde.
„Ich brauche so etwas nicht“, sagt unterdessen Nicole Ridders. Die zweifache Mutter fühlt sich trotz Berufstätigkeit nicht überfordert in ihrer Elternrolle. In ihre Erziehung würde sie sich deshalb nicht gerne von Dritten hineinreden lassen. Auch Renate Witgens, Leiterin der Kindertagesstätte „Marienheim“ hält eine künftige Verpflichtung zu Erziehungskursen für problematisch. „Ein Begleitangebot für allen Phasen der Kindererziehung ist natürlich sinnvoll. Die Sicherheit, dass sie jederzeit Hilfe in Anspruch nehmen könnten, sollen die Eltern schon haben.“
Von der Pflicht zu einem Elternkursus hält auch Elfi Tunca, Mutter aus Dinslaken, nichts. Bei ihr bleiben Erziehungsprobleme in der Familie: „Ich frage lieber meine Mutter, wie sie vorgehen würden“. Im Zweifelsfall böten schließlich auch die gängigen Ansprechpartner wie die Frühförderstelle der Lebenshilfe oder die städtische Erziehungsberatungsstelle Hilfe an.
Und auch der Kindergarten versucht, eine Stütze zu sein: „Wenn Kinder auffällig werden, bitten wir die Eltern um ein Gespräch“, erklärt Witgens. Da die meisten Eltern mit der Erziehung aber entweder gar nicht oder nur partiell überfordert wären, hält sie eine obligatorische Kursreihe für übertrieben: „Das wäre doch ein Eingriff in die Privatsphäre der Familien!“
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