Dinslaken: Leben mit dem anderen Leben
VON ANGELIKA RITZKA - zuletzt aktualisiert: 04.03.2008Dinslaken (RPO). Auch junge Menschen können zum Pflegefall werden. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann besuchte gestern zum Auftakt der „Politischen Woche“ der CDU Duisburg das Elisabeth-Groß-Haus in Walsum. Die Einrichtung für junge Pflegebedürftige existiert seit einem Jahr.
walsum In einem anderen Leben wären sich Jochen Heise und Aynur Yildirim vielleicht nie begegnet. Oder nur sehr flüchtig. Unter Umständen hätte der Dinslakener die Frau mal im Taxi chauffiert. Vielleicht zum Tanzen. Wären da nicht diese Krankheiten, die beide in den Rollstuhl zwingen.
Der Enkel des SPD-Politikers Wilhelm Lantermann hatte einen Schlaganfall. Die junge Frau ist an Multipler Sklerose in fortgeschrittenem Stadium erkrankt. Beide brauchen Pflege. Beide sind derart versorgungsbedürftig, dass sie nicht mehr zu Hause leben können. Gemeinsam mit zwölf anderen Menschen bilden sie eine Wohngemeinschaft, die auch so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft ist. Jochen Heise ist mit 59 Jahren der Älteste. Aynur Yildirim mit 38 Jahren die Jüngste. Sie leben seit einem Jahr mit anderen jungen Pflegefällen im Elisabeth-Groß-Haus an der Josefstraße in Walsum. Es ist in ganz Duisburg die einzige Station nur für junge Pflegebedürftige und gehört zur Heimstatt Sankt Barbara.
Junge Pflegefälle
Ursachen für Pflegebedürftigkeit in jungen Jahren: Fortgeschrittene Multiple Sklerose, Schlaganfall, Folgeschäden eines Suizidversuchs, Schädel-Hirn-Trauma als Folge von Gewalt oder Unfall oder nach medizinischer Reanimation.
Jung und ein Pflegefall – das bedeutet noch lange nicht, hinfällig zu sein. Das erlebte gestern NRW-Minister Karl-Josef Laumann, zuständig für Arbeit, Gesundheit und Soziales, als er dieser besonderen Wohngemeinschaft auf Einladung der CDU Duisburg einen Besuch abstattete. Er traf im Therapieraum auf Menschen, die sich von ihrem bisherigen Leben komplett verabschieden mussten.
Aynur Yildirim ist eine energische Frau. Zornig auch. Sie fühlt sich belogen, sagt sie dem Minister. Seit 18 Jahren leidet sie an Multipler Sklerose. Seit 18 Jahren hofft sie. Bislang vergeblich. „Wann kommt das Medikament?“, fragt sie Laumann. Der Blick des sonst so nüchternen Politikers wird angesichts der fordernden Frau im Rollstuhl weich. „Wir haben kein Wundermittel“, sagt er behutsam. „Diese Krankheit hat tausend Verläufe.“ Keine gute Nachricht für Aynur Yildirim. Keine neue. Aber eine, die sie besänftigt. Wenn auch nur für den Moment. Aynur Yildirim nickt, fügt sich in ihr Schicksal – und hofft weiter.
Jochen Heise erzählt. Von seinem früheren Leben als Taxi-Unternehmer. Von dieser einen Fahrt: Er am Steuer mit Karl-Josef Laumann, der damals noch kein Minister war, als Fahrgast. Laumann schüttelt den Kopf. Er erinnert sich nicht. Sagt aber dann: „Das muss Anfang der 90er Jahre gewesen sein.“ Jochen Heise erzählt weiter. Von dem Schlaganfall, der sein Dasein als Unternehmer beendet hat. Und sagt schließlich mit Blick auf sein neues Leben im Elisabeth-Groß-Haus diesen Satz: „Ich habe Glück gehabt.“ Der Satz fällt. Er verklingt. Karl-Josef Laumann steht auf. Er bedankt sich bei den Männern und Frauen. Die Zeit ist um. Der Minister muss weiter.
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