Dinslaken: Mit Farbe durch's Alter
VON LENA STEEG - zuletzt aktualisiert: 30.01.2009Dinslaken (RPO). Zum demographischen Wandel hat jeder etwas zu sagen. Selten positives. Der ehemalige Bürgermeister Bremens, Dr. Henning Scherf, jedoch fand bei der VHS-Semesteröffnung ausschließlich positive Worte fürs "bunte Alter".
"Ich übernachte hier, wir können also lange diskutieren." Was bei jedem anderen nach einer Drohung klänge, erfreute bei der Einleitung zu Dr. Henning Scherfs Vortrag "Grau ist bunt– was im Alter möglich ist" am Mittwochabend im Dachstudio das Publikum. Gespannt war man hier besonders auf die persönlichen Erfahrungen des ehemaligen Bürgermeisters und Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen. Immerhin besticht die Biographie des 70-Jährigen durch eine interessante, teilweise unkonventionelle Lebensweise. Gemeinsam mit seiner Frau Luise lebt Scherf in einer achtköpfigen Hausgemeinschaft.
Was als Vortrag zur Semestereröffnung der Dinslakener Volkshochschule geplant war, entpuppte sich schnell als lockere Erzählstunde. Das für ihn vorgesehen Stehpult würdigte Dr. Henning Scherf keines Blickes, schnappte sich stattdessen gleich zu Anfang das Mikrophon und spazierte durch die Reihen. Um Unterbrechungen und Fragen hatte er zuvor eindringlichst gebeten. Und dieser Einladung kamen viele Zuhöhrer gerne nach.
Kein "Krieg der Generationen"
Einig war man sich über vieles. Beispielsweise, dass der von Frank Schirrmacher in dessen Bestseller "Das Methusalem-Komplott" prophezeite "Krieg der Generation" ausbleiben werde. Und auch mit der in Kai Diekmanns "Der große Selbstbetrug" skizzierten "egoistische und nazistische" Altersgruppe 60plus kam das Selbstbild der Anwesenden so gar nicht überein. Dass jedoch angesicht der "Vergreisung der Gesellschaft" gehandelt werden muss, steht auch für Scherf außer Frage. Jedoch: "Angst und Panikmache blockiert uns nur – stattdessen müssen wir uns was einfallen lassen."
Was dieses "Was" sein könnte, dazu hatte Scherf selbstverständlich auch gleich ein paar Vorschläge im Gepäck. Beziehungsweise: im Buch. "Grau ist bunt– was im Alter möglich ist" heißt es. Und möglich ist offensichtlich eine ganze Menge. Nötig auch. "Gerade angesichts der gegenwärtigen Krise müssen wir versuchen, den Laden zusammen zu halten."
Bewusstsein für neue Situation
Im Mittelpunkt der Scherf'schen Veränderungsvorschläge steht zunächst ein Bewusstsein für die neue Situation. "Die Generationen müssen zusammenhalten und sich nicht gegeneinander ausspielen lassen." Das gelte sowohl für berufliche, als auch private Bereiche. Gemischte Belegschaften, ein je nach Arbeitsbereich differenzierter Übergang ins Rentenalter, die Vermischung von haupt- und ehrenamtlicher Arbeit und neue Konzepte für Nachbarschaften und Großfamilien schweben ihm vor. Statt auf Altenheime mit 800 Betten, in denen zwar die Rundum-Versorgung der Bewohner gewährleistet, ihre Selbstständigkeit und damit ihr Lebenswille aber völlig unberücksichtigt gelassen werden, müsse wieder mehr auf das alte Prinzip der "Notnachbarschaften" oder die Großfamilie gesetzt werden. Oder aber: "Wenn schon Heim, dann immerhin mit eigenen Aufgaben, wie Gartenarbeit und Kochen."
Scherf selber wohnt seit Jahrzehnten in einer großen Wohngemeinschaft, in der die Türen der sieben miteinander verbundenen Wohnungen die meiste Zeit offen stehen und es lediglich ein gemeinsames Auto gibt. Unabhängig von Herkunft, Konfession, Alter und Parteizugehörigkeit leben er und seine Freunde dort zusammen. "Je bunter, desto besser", findet der Sozialdemokrat und betont, dass man im Alter nur wach bleibe, wenn man sich immer wieder etwas Neues zumuten würde.
"Der Charme des Alters ist, dass man nicht mehr immer Recht haben muss", schloss das Nordlicht nach zweieinhalb Stunden seinen Vortrag. Und trotzdem hörte man im Publikum neben aufkeimendem Applaus den Satz: "Recht hat er!"
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