Dinslaken: Saufgedichte und Wurstschnittchen
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 04.04.2008Dinslaken (RPO). Bukowski als Vorspeise, Willy Schneider zum Dessert. Dazwischen Erotisches, Schlüpfriges, Humoriges, Derbes, auch Philosophisches – Saufgedichte und Schnapsgeschichten, Kneipenlyrik eben. Zum neunten Mal servierte die Burghofbühne im Bräustüb’l „Allerlei zum Bier“.
Kneipenlyrik 10
Die nächste Kneipenlyrik kommt bestimmt: Am Mittwoch, 14. Mai, 20 Uhr, gibt’s in Herberts „Bräustüb’l“, Wilhelm-Lantermann-Straße 58 a, in Dinslaken die zehnte Auflage von „Allerlei zum Bier“. Aus aktuellem Anlass allerdings unter einem anderen Motto: „Allerlei zur letzten Zigarette“.
Der Eintritt ist frei.
Wenn die Schauspieler kommen, wird’s „bei Herbert“ voll. Die Barhocker am Tresen sind schnell besetzt, die Plätze an den drei Tischen ruckzuck vergeben. So gut besucht ist die kleine Kneipe, die sich zwischen Wilhelm-Lantermann-Straße und Bahnstraße in einen Garagenhof duckt, sonst nur bei Premierenfeiern. Als Lars Helmer um kurz nach acht auf das Podium vor der Dart-Scheibe steigt, hat sich die Luft im „Bräustüb’l“ längst in Rauch aufgelöst. Helmer liest – was sonst – Deftiges von Charles Bukowski. „Wie ein Blume im Regen“ ist der schöne Titel des Appetithäppchens, in dem es um des saufenden Poeten liebsten Zeitvertreib geht: mit Frauen rummachen. Das wie immer sehr gemischte Publikum schmunzelt über die mit Pommes und Brathühnchen garnierten Sudelverse – ältere Herren, wohlsituierte Damen in den besten Jahren, junge Frauen, noch jüngere Männer.
Fritten, Bier und Kabeljau
Kneipenlyrik zieht. In der Pause wird Lars Helmer unter den Gästen einige neue und eine ganze Reihe bekannter Gesichter entdecken. Und er wird von „Stammgästen“ reden. Schließlich ist es das neunte Mal, dass die Burghofbühne im „Bräustüb’l“ mit Lyrik und Kurzprosa um sich wirft. Heute in großer Besetzung: Iris Kunz, Leif Scheele, Andreas Mayer, Felix Gattinger und Lars Helmer schlagen auf. Sie alle – so sind die Regeln – haben ihre ganz persönlichen Favoriten mitgebracht. Und sie alle tragen sie mit ihrer ganz persönlichen Note vor. Gattinger mag’s gebärdenreich und mit verstellter Stimme. Die Schmunzelprosa aus Axel Hackes Schatzkästlein eignet sich dafür bestens. Bei Mayers Hommage an Jacques Brel verbietet sich das. Da muss man cool stehen, vorzugsweise breitbeinig, und ganz cool gucken. Denn „Amsterdam“ erzählt von hurenden, saufenden Matrosen und dass es zwischen den Grachten „bis in die Fritten hinein“ nach Kabeljau stinkt. Leif Scheele macht seine Rezitation von Janosch-Weisheiten zur Vorlesung. Vom Kneipenvolke fordert er anstelle des Beifalls begeistertes Klopfen ein. Iris Kunz taucht mit großer Geste und rollenden Augen in die Niederungen der Hopfenlyrik ab: „Man soll das Bier nicht vor dem Kater loben.“ Applaus und Pause. Zeit für Schnittchen. Herbert hat etwas vorbereitet. Butterbrote, großzügig mit Wurst und Käse belegt, angerichtet auf großen Platten. Mit schweißnassem Haar schleppt er sie aus der Küche – die eher einer Schiffskombüse ähnelt – in den Schankraum. Die Besucher greifen zu, die Schauspieler auch. Dazu noch ein Bier. Lecker. Man plaudert, raucht, bestaunt die Zinn-Kännchen-Sammlung neben den Sparkästen und das alte Rolling-Stones-Plakat an der Wand („Die Beat-Sensation 1967“). Der Zugfahrplan, der außen an der Küchentür klebt, ist vor vier Monaten abgelaufen. Warum in einer Kneipe, in der gerade noch Jimi Hendrix und James Brown als Pausenmusik liefen, plötzlich Elton Johns „Candle in the Wind“ aus den Lautsprechern schwappt, weiß niemand. Um darüber nachzugrübeln, warum der Wirt ausgerechnet die Fahne von Borussia Dortmund zwischen die Schnapsflaschen geklemmt hat, reicht die Zeit nicht mehr. Die Pause ist um. Zeit für Kneipenlyrik. Den erotischen Phantasien des Klaus Kinski folgen weitere Sauigeleien von Charles Bukowski. Am Schluss gibt’s Schlagerlyrik. Heute: Feines von Willy Schneider. „Schütt die Sorgen in ein Gläschen Wein“, sagt Lars Helmer und lächelt. „Deinen Kummer tu’ auch mit hinein. Und mit Köpfchen hoch und Mut genug leer das volle Glas in einem Zug!“ Längst geschehen. Herbert zapft fleißig, die Gäste freuen sich. Von dem Teller am Tresen verschwindet das letzte Jagdwurstschnittchen.
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