Dinslaken: Schildkröte liebt Schuh
VON LENA STEEG - zuletzt aktualisiert: 28.07.2007Dinslaken (RPO). Tausendmal gesehen, tausendmal ist nichts passiert. Jetzt hat es „Zoom!“ gemacht. Nach 30 Jahren hat die Griechische Landschildkröte Kleopatra in unserem Garten ihre große Liebe gefunden: einen Schuh.
Landschildkröte
Griechische Landschildkröten sind überwiegend herbivore, das heißt tagaktive Reptilien. Während der Wintermonate verfallen sie in eine Winterstarre.
Seit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1975 gilt für sie ein Handelsverbot. Um Missbrauch vorzubeugen unterliegen in Gefangenschaft nachgezogene Tiere einer behördlichen Meldepflicht.
Wir hatten es nicht kommen sehen. Es gab keinerlei Anzeichen. Aber das will nichts heißen, schließlich sind uns im nunmehr 30-jährigen Zusammenleben mit unserer Griechischen Haus- und Hofkröte Kleopatra so einige Malheure unterlaufen: So erfuhren wir erst vor wenigen Jahren (und auch da nur rein zufällig) von der Tierärztin, dass die unangefochtene Königin unseres Gartens in Wahrheit ein stattlicher Kaiser ist. Eine Umtaufung kam trotzdem nicht in Frage. Schildkröten sind da nicht so.
Dass Schildkröten aber ganz eindeutig einen, sagen wir mal, sehr unberechenbaren Geschmack bei der Auswahl ihrer Liebespartner haben, mussten meine Eltern und ich vor einigen Wochen feststellen. Erst war es nur die auffällige Aggressivität, mit der das Reptil auf Rasenmäher und Besen losging. Nichts Ungewöhnliches, dachten wir. Das Schildkrötenmännchen fühlt sich quasi als Rudelführer unserer Familie – klar, dass man sein Revier da bis aufs Blut (beziehungsweise die letzte Besenborste) zu verteidigen sucht.
Doch eines Sonnabends, mein Vater war mehr von dem Wettlauf mit Kleopatra, als der eigentlich Gartenarbeit erschöpft in seinen Liegestuhl gesunken, gellten seltsame Laute über unser Grundstück. Der erste Blick in den Himmel ließ die Vermutung, ein Greifvogel zöge seine Runden über der Siedlung, schnell verpuffen. Also doch: Brille aufsetzen und nachforschen. Was mein Vater dann sehen musste, erschütterte sein Schildkröten-Weltbild nachhaltig: Da begattete unsere sonst so gemächliche Kröte unter seltsamen Schreien, mit voller Wucht und tiefer Inbrunst seinen rechten Gartenarbeitsschuh.
„Griechische Landschildkröten haben Paarungsrituale, die auf den Menschen ausgesprochen grob wirken. Das Männchen verfolgt und umkreist das Weibchen unablässig und versucht es durch kräftiges Beißen in die Beine am Davonlaufen zu hindern“, erfuhren wir bei einer Internetrecherche. Wer bislang die plumpen Anmachsprüche in den Diskotheken der Umgebung für unterste Schublade hielt, sollte sich vielleicht einmal aufmerksam dem „Liebesspiel“ der Landschildkröten zuwenden: Da wird nicht groß umworben, diskutiert oder gar „Stimmung geschaffen“. Da wird gebissen, bis die Liebste nachgibt. Und weil so ein Lederschuh einen recht willenloses Charakter hat, schien Kleopatra angenehm überrascht von der Gefügigkeit seiner Auserwählten.
Die Liebschaft hält an. Seit Tagen zeigt der gepanzerte Bock weder Interesse an Salatblättern, noch kann ihn der rotierende Rasenmäher aus der Ruhe bringen. Kleopatra hat seine bessere Hälfte gefunden. Ganz nach seinem Geschmack (also, willen- und widerspruchslos) lässt sich die Liebste traktieren, erduldet wort- und wehrlos alle Kuschelattacken. Deshalb hat sich nun auch der Rest unserer Familie überzeugen lassen. In Kürze wollen wir dem alten Lederschuh mit wasserfestem Stift ein Gesicht malen. Dann hat die ganze Sache irgendwie mehr Ernsthaftigkeit. Vielleicht taufen wir ihn auch Cäsar.
Lebenserwartung: 100 Jahre
Man weiß schließlich nicht, was nachts so alles im heimischen Garten vor sich geht. Und in wie weit sich unser gepanzertes Haustier angesichts Alternativenmangel schon endgültig zu seiner neuen Liebe bekannt hat. Doch sollte es auch im Tierreich so etwas wie das Versprechen „bis dass der Tod uns scheidet“ geben: Mit bis zu 100 Jahren Lebenserwartung wird das eine schmerzvolle Angelegenheit: Für Papas Schuhe. Und seinen Geldbeutel.
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