Dinslaken: Schiller geschreddert
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 13.12.2008Dinslaken (RPO). Theater darf alles. Auch Schiller schreddern. Wer „Don Carlos“ massakriert, sollte jedoch gute Gründe haben. Die sucht man in Stefan Eys Inszenierung vergebens. Der Jugendtheaterleiter der Burghofbühne hat das abendfüllende Trauerspiel in eine Kurzfassung für drei Schauspieler gegossen.
Weihnachts-Theater
Weihnachten gibt es im Tenterhof Theater: Am Donnerstag, 25. Dezember, 15 Uhr, spielt die Burghofbühne „Zwei Monster“, von Gertrud Pigor (ab vier Jahre). Es spielen Iris Kunz, Andreas Mayer und Leif Scheele. „Der Sturm – Ariel erzählt“ nach William Shakespeare ist direkt im Anschluss ab 17 Uhr zu sehen, (mit Iris Kunz). Am Freitag, 26. Dezember, 21 Uhr, zeigt die Burghofbühne „Letzte Nacht auf Erden“, Monolog von Eric-Emmanuel Schmitt mit Marco Pickart Álvaro.
Karten gibt es an der Abendkasse im Tenterhof, Gerhard-Malina-Straße 108.
Eys Bearbeitung zielt auf junges Publikum, auf Jugendliche ab 16. Schiller verstehen kann so einfach sein, lautet die Botschaft. Um sie zu transportieren, setzt Ey auf radikale Schnitte, zeitmodische Gags und alberne Pointen. Die Premiere im Studio Tenterhof geriet zu einer hektischen, lärmenden und effektverliebten Veranstaltung.
König im Kampfanzug
Ey legt keinen Wert auf die Ausgestaltung der Charaktere. Er setzt ganz auf Parodie. Weder Don Carlos (Alexis Schvartzman gibt ihn als pubertierenden Rotzlöffel) noch Posa (Anna Scholten wirkt mit dem umgeschnallten Malteser-Kreuz wenig glaubhaft) haben eine echte Chance, ihren Figuren Farbe zu geben. Allenfalls bei Carsten Cagnilia wird in Ansätzen spürbar, was er aus seinem König Philipp in einer gänzlich anderen Inszenierung hätte machen können. Als brüllender Despot im Fidel-Castro-Outfit besteht aber auch er nicht.
Die viel zu kleine Einheitsbühne, ausgestattet mit drehbaren hölzernen Kuben, die abwechselnd als Thron, Treppe oder Requisitenbox dienen, wird im Hintergrund von einer Leinwand dominiert. Stefan Ey torpediert sie mit allerlei Schriften und Bildern. „Ideale“, „Utopien“ und „Gedanken“ blitzen dort auf, Schriftzüge („Wichtig: Zentralabitur“), Porträts von Che Guevara, Konrad Adenauer, Rudi Dutschke, Martin Luther King, Gandhi, Napoleon und Rosa Luxemburg. Hin und wieder flimmert dort auch nur das, was auf der Bühne ohnehin zu sehen ist. Eine Live-Cam überträgt das Spiel. Manchmal zeigt es auch Playmobilmännchen, die in Großaufnahme vor der Linse herumhampeln. Da wird er Schau- zum Puppenspieler. Und die kompliziertesten Schillerschen Verstrickungen lösen sich sekundenschnell in Wohlgefallen auf.
Winnetou und Whitney
Stefan Ey laviert bedrohlich nah am Rande der Lächerlichkeit. Wie misslungen sein Zugriff auf den Schillerstoff tatsächlich ist, zeigen aber nicht nur die Versuche, den Szenen mittels medialer Mätzchen die Statik zu nehmen. Die Texte wirken großteils aufgesagt, dahergesprochen, man wird das Gefühl nicht los, als missbrauche sie der Regisseur als Brückenschlag zur nächsten Albernheit. Da schmettern Scholten und Schvartzman Whitney Houstons Schmuseschmonzette „I will always love You“ im Duett oder lächeln als Winnetou und Old Shatterhand bedeutungsvoll ins Nichts, während dem Publikum die klebrigste aller Karl-May-Melodien ins Gehör tropft. Clowns mit roten Gumminasen überbringen Botschaften. Und schließlich hackt auch noch ein hyperaktives Trio infernale pantomimisch den vierten Akt in Stücke.
„Das ist nicht Schiller. Mann, dass ihr dieses Stück so entstellt!“ Es ist König Philipp, der diese Sätze bellen darf. Ein selbstironischer Einwurf. Die Inszenierung rettet er nicht. Schillers Drama behandelt als zentrale Themen das Streben nach privatem Glück und die selbstlose Aufopferung für politische Ziele, es beleuchtet den Aufstand junger Rebellen gegen eine erstarrte Ordnung. Eys „Don Carlos“ erzählt eine Geschichte, die niemand hören will.
Dennoch hat der Regisseur ein Ziel erreicht: Seine „Story of Love And Conspiration“ macht neugierig auf den echten „Don Carlos“, den mit fünf Akten, 69 Auftritten und 20 Figuren. Demnächst in einem anderen Theater.
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