Dinslaken: Treuer beten, brennender lieben
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 29.07.2010Dinslaken (RPO). Eine gottlose Gesellschaft bedroht nicht nur die Kirchen. Verfällt das religiöse Fundament, werden alle darunter leiden. Dr. Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler und Publizist aus Dinslaken, warnt vor den Risiken und Nebenwirkungen "der Verdunstung des Glaubens".
"Es ist Zeit für einen Weckruf", sagt Dr. Andreas Püttmann. Seiner heißt "Gesellschaft ohne Gott", ist 288 Seiten lang und soeben in einem evangelischen Verlag erschienen (Gerth Medien, Asslar). "Gerichtet ist er an ein laues Gewohnheitschristentum, dem die religiöse Glut abhandengekommen ist", erklärt der 46-Jährige und betont sogleich, er sei kein Theologe.
Püttmann ist Sozialwissenschaftler und Politologe, der sich um unser Gemeinwesen sorgt und das private Glück vieler Menschen gefährdet sieht. Die Risiken und Nebenwirkungen der Entchristlichung Deutschlands hält er für weitreichender, als die meisten Menschen sich das bewusst machen. Sie betreffen Politik, Wirtschaft, Sozialstaat, menschliches Miteinander und die Gesundheit, und zwar unabhängig davon, ob jemand Katholik, Protestant oder Atheist ist. Püttmann zitiert gern Gregor Gysi, der einmal vor der Evangelischen Akademie Tutzing bekannte: "Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft".
Ausgezeichnet
Dr. Andreas Püttmann wurde 1991 mit dem Förderpreis des katholischen Journalistenpreises ausgezeichnet. Von 1993 bis 2002 war er Referent für Begabtenförderung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Andreas Püttmann ist in Dinslaken geboren und aufgewachsen, 1983 machte er am Ernst-Barlach-Gymnasium Abitur, er spielte im Kammerorchester und engagierte sich in der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Vincentius, unter anderem als Messdiener und Lektor. Während seines Studiums in Bonn und Paris arbeitete er für den WDR-Hörfunk und als Redakteur des Rheinischen Merkur. In Buch- und Zeitschriftenbeiträgen hat sich Püttmann vielfach zu Grundsatzfragen von Staat und Kirche, Sozialethik, politischer Kultur und öffentlicher Meinung geäußert.
Dass er in seinem neuen Buch über den Prozess der "geistlichen Auszehrung", in dem sich die Kirchen in Deutschland seiner Ansicht nach befinden, zum Thema macht, hat nichts mit dem jüngsten Missbrauchsskandal zu tun. Dem widmet der Autor zwar ein Kapitel. Das Problem auf den Triebbereich zu fokussieren, liegt ihm jedoch fern. "Ich bin niemand, der mit den Wölfen heult", sagt Püttmann. Ziel seines Buches: schildern, wie dramatisch die Lage ist, erklären, wie es so weit kommen konnte und aufzeigen, was jeder Einzelne tun kann, damit sich etwas ändert.
"Christen müssen mutiger bekennen, treuer beten, fröhlicher glauben und brennender lieben", zitiert Püttmann ein Programm zur geistlichen Revitalisierung, das der Rat der Evangelischen Kirche Deutschlands bereits 1945 formuliert hat. Dass diesen Forderungen in den vergangenen 65 Jahren zu wenig Beachtung geschenkt wurde, belegen Zahlen. Seit 1950 hat sich die Zahl deutschen Protestanten nahezu halbiert, die der katholischen Gottesdienstbesucher fiel auf ein Fünftel. Der christliche Bevölkerungsanteil in der Bundesrepublik sank seit 1970 von 93 auf 63 Prozent. Ein Drittel davon ist der Wiedervereinigung geschuldet. Hinzu kommt, dass es immer mehr "getaufte Heiden" gibt, die keine Ahnung mehr vom christlichen Glauben haben und ihn deshalb auch nicht weitergeben können.
"Wenn es den Menschen gut geht, schadet das der Religion", sagt Andreas Püttmann. Wer alles wissenschaftlich für erklärbar hält, braucht keinen Gott mehr. Der Autor warnt vor den Folgen dieses Irrglaubens. Materialismus lenkt ab von den letzten Fragen. Er macht träge und bequem. Mit einer Spaßgesellschaft, in der Untugenden wie "Geiz ist geil" umgewertet werden, kaum noch jemand Verantwortung übernehmen will und sich die Menschen zu ihrer Egozentrik bekennen, geht's unweigerlich bergab. In Repräsentativumfragen zu Rechtsbewusstsein, Wertorientierung und Lebensgefühl hat Püttmann herausgefunden, dass sich kirchennahe Christen im Durchschnitt positiv von Menschen unterscheiden, die mit der Kirche nichts zu tun haben wollen.
Hier setzt der Autor an, um Atheisten nachdenklicher und religiöse Skeptiker zu "Vernunftchristen" zu machen. "Man muss nicht gleich aus der Kirche austreten, wenn man für sich selbst die Gottesfrage nicht zu beantworten weiß. Man kann auch aus moralischen Gründen und Verantwortungsbewusstsein bei der Stange bleiben." Von den so genannten "lauen Christen" fordert Püttmann mehr Entschiedenheit und Entschlossenheit und von der schrumpfenden Minderheit kirchlich Engagierter mehr Selbstbewusstsein.
"Das Problem des Christentums ist nicht der Sturm, sondern die welken Blätter", sagt Andreas Püttmann. Über die eigene Schwäche müsse man sich Gedanken machen. Über die Furcht vor dem Schweigen, der Faulheit zu bekennen, der Unwilligkeit zu überzeugen, der Unfähigkeit seinen Glauben buchstabieren zu wollen. "Es gibt keinen Grund, sich als Glaubender zu verstecken", erklärt Andreas Püttmann. "Glaube ist eine Humanitätsressource, die man pflegen muss."
Sein Buch ist kein Missionsbuch. Der Autor redet nichts schön und liefert keine Patentrezepte, mit denen sich auf einen Schlag alle Probleme lösen lassen. "Gesellschaft ohne Gott" will Argumentationshilfen für Christen geben, Distanzierte wachrütteln und zeigen, wie notwendig Glauben für das Funktionieren einer Gesellschaft sein kann. Der Autor gibt einen klugen Bericht zur Lage des Christentums in Deutschland.
Und er trifft klare Aussagen: "Muslimische Gotteshäuser gefährden unsere christliche Kultur weit weniger als der Abriss unserer Kirchen."
Gesellschaft ohne Gott, Andreas Püttmann, 288 Seiten, Gerth Medien, 17,95 Euro, ISBN 978-3-86591-565-8
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