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Dinslaken: Und der Wahnsinn nimmt kein Ende

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 23.03.2009

Dinslaken (RPO). Sprache verbindet. Selbst dort, wo sie längst ihre Funktion verloren hat, eint sie die Menschen. Das ist absurd, kann aber sehr komisch sein. Thorsten Weckherlin hat mit der Inszenierung "Die kahle Sängerin" einen wahnwitzigen Ionesco auf die Bühne geworfen. Irre gut.

Info

Anti-Stück

Dauerbrenner Eugène Ionescos Anti-Stück wird seit Februar 1957 am Théatre de la Huchette in Paris gespielt. Bis heute 16300 Mal.

Inszenierung für das Landestheater Burghofbühne: Thorsten Weckherlin

Kostüme Sandra Nienhaus

Dramaturgie Lars Helmer

Kahle Bühne. Schnürbodenblick. Links ein Feuerlöscher. Der hängt immer da. Während Leonard Cohen mit rauchschwarzem Brummbass "Dance Me To The End Of Love" singt, stellt Mary das Dienstmädchen (Andreas Mayer) sechs Stühle in den Raum. Hier tanzt niemand. Hier wird gesessen.

Das Ehepaar Smith nimmt zuerst Platz. In den nächsten 20 Minuten wird es sich durch eine gänzlich sinnfreie Abendunterhaltung quälen. Mr. Smith (Michael Gabel) wird dabei die Wangen blähen, mit der Zunge schnalzen und am ausgestrecktem Arm – mal links, mal rechts – die Zeitung zerknittern. Mrs. Smith (Martina Mann) wird mit einer weißen Nobel-Einkaufstüte auf den Knien Löcher in die Luft starren. Beide werden reden, ohne etwas zu sagen.

Blödsinniges Blubbern

Dann klingelt es. Die Martins (Iris Kunz und Leif Scheele) kommen zu Besuch. In einem mühsamen Frage-und-Antwort-Spiel finden sie heraus, dass sie im gleichen Zimmer wohnen, im selben Bett schlafen und dieselbe Tochter haben, somit also – "oh mein Gott, wie sonderbar, welch ein Zusammenspiel" – miteinander verheiratet sein müssen. Das Gespräch mit den Gastgebern ist keins. Die Paare reden belangloses Zeug, blubbern blödsinnige, sich ständig wiederholende Wortblasen in den Raum. Sprache dient nur noch der Darstellung von Beziehungslosigkeit, Monotonie und innerer Leere.

Als sich noch ein Feuerwehrhauptmann hinzugesellt – Erwin Kleinwechter hat obenrum mal wieder blank gezogen und zeigt mutig Brust und Kugel –, kippt die ganze Geschichte vollends in den Wahnwitz. Man erzählt sich Fabeln vom Hund, der einmal einen Hahn spielte ("Er hatte Pech, er wurde gleich erkannt"). Vom Schnupfen. Vom Fuchs und der Schlange und anderen Quatsch. Dabei mutiert Mr. Smith kurzzeitig zu einem von Spasmen geschüttelten Idioten, Mrs. Martin fällt in Ohnmacht, und der Feuerwehrhauptmann träumt laut von Bränden. Dass ausgerechnet das Dienstmädchen seine ersten Flammen gelöscht hat, verwundert da kaum noch. Die beiden sind ein Liebespaar.

Gekraultes Brüstchen

Weckherlin gönnt sich und dem Publikum sogar die Intimität, dass Andreas "Mary" Mayer auf des Hauptmanns starkem Knie zu sitzen kommt, um sich von kräftiger Hand zärtlich das Brüstchen kraulen zu lassen. Das Gedicht vom Feuer, das Mary zum Besten gibt, ist ihr Tod. Die beiden staubgrauen Paare, vereint in der Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren, schlachten Mary. Sie treiben sie von der Bühne und saugen ihr das Blut aus.

Die Antwort auf die Frage des Feuerwehrhauptmanns, was denn eigentlich die kahle Sängerin macht, bleibt Thorsten Weckherlin schuldig. Niemand sagt, dass die Kahle noch immer die gleiche Frisur trägt. Stattdessen heben die Ehepaare mit blutverschmierten Mäulern zu einem Irrsinnsgekreische an, und der Feuerwehrhauptmann entwischt durch die Brandschutztür. Eigentlich schade. Er hätte einen guten zweiten Gang abgegeben. Zum Dessert gibt's die Vorsuppe. Die Smiths schlurfen mit Lappen umwickelten Schuhen von der Bühne, die Martins sprechen den Anfangsdialog, und alles beginnt von vorn. Der Wahnsinn nimmt kein Ende. Das Stück schon.

Weckherlin hat Eugène Ionescos 1950 uraufgeführten Klassiker ohne Sinn, aber mit viel Verstand und einer glücklichen Hand für die richtige Besetzung inszeniert. Kräftiger Applaus für ein rundum überzeugendes Burghofbühnen-Ensemble, das Spaß und Spielfreude in jeder dieser kurzweiligen 70 Minuten zu transportieren verstand. Was das Ganze soll, fragen wir erst gar nicht. Wir hören auf Mary: "Lassen wir die Dinge wie sie sind."

Quelle: RP

 
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