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Dinslaken: Von Löwen und Wölfen

VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 26.02.2008

Dinslaken (RPO). Transsylvanische Grooves sind schnell, laut und feurig. Nicolas Simion schleudert sie dem Publikum um die Ohren, dass es nur so kracht. Sechs Jahre nach seinem Dinslaken-Konzert im „Mittelpunkt“ kochte der Karpaten-Coltrane jetzt in der Kathrin-Türks-Halle ein feuriges Balkan-Süppchen.

Von den Karpaten nach Dinslaken ist es manchmal nur ein Katzensprung: Nicolas Simion (rechts) und Piotr Wojtasik (links) pumpten jede Menge transsylvanische Grooves in die Kathrin-Türks-Halle.  Foto: RPO
Von den Karpaten nach Dinslaken ist es manchmal nur ein Katzensprung: Nicolas Simion (rechts) und Piotr Wojtasik (links) pumpten jede Menge transsylvanische Grooves in die Kathrin-Türks-Halle. Foto: RPO

Manche mögen’s schräg. Nicolas Simion steigt in den Abend ein, als würde die Feuerwehrkapelle aus Siebenbürgen gemeinsam mit den Säbeltänzern aus Dumbravita Thelonius Monk durch den Fleischwolf drehen. Ein Überraschungsangriff, wie ihn der Rumäne liebt. Der zweite lässt nicht lange auf sich warten. Blitzschnell schraubt sich das Saxofon in die Höhe, die Trompete folgt, der Rhythmus wechselt. Balkan adé, willkommen im Modern Jazz. Nicolas Simion ist Traditionalist. Die Zutaten Südosteuropas gehören für ihn ebenso ins Jazzsüppchen wie frei Improvisiertes aus deutschen Landen. Der Tenorsaxofonist, der Jahre in Griechenland und Bulgarien verbracht hat und seit 1997 in Köln lebt, nennt das, was er da auf der Bühne macht, Volkslieder seiner Heimat „erweitern“.

Info

Feuertopf

Nicolas Simion sagt gern, wo’s lang geht. Vor einem Konzert gibt er gern Anweisungen für den Bühnenaufbau. Damit jedes Instrument am richtigen Platz steht. Thomas Termath von der Jazz Initiative Dinslaken zeigte die „Zeichnung“, die Simion ihm hatte zukommen lassen, nicht ohne zu schmunzeln. Zwischen Flügel und Bass hatte Simion einen Freiraum für sich eingezeichnet. Hinweis: „Hier wird Jazz gekocht“. Dafür gab’s von Termath einen Kochlöffel. Zum Umrühren für den karpatischen Feuertopf.

Druck auf dem Kessel

Solche Streck- und Dehnübungen unternimmt man besser nicht allein. Simion hat sich eine fünfköpfige Begleitband mitgebracht. Piotr Wojtasik (Trompete) und E-Gitarrist Norbert Scholly schlägt er wie sich selbst (Jahrgang 1959) den „alten Knackern“ zu. Bassist Alex Morsey, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und Pablo Held am Piano nennt er „junge Löwen“. Die sorgen dafür sorgen, dass immer ordentlich Druck auf dem Kessel ist. Dabei legen die Youngster ein ungeheures Tempo vor. Zu schnell gibt’s nicht, zu laut ist ein Fremdwort. Simion genießt das. Morseys schnarrende Saitenakrobatik, Burgwinkels ebenso präzise wie gefühlsbetonte Arbeit an Becken und Fellen, die unaufdringlichen, mit großer Fingerfertigkeit gesetzten Piano-Akzente Pablo Helds – mit 21 Jahren jüngstes Mitglied der Balkan-Truppe. Dazu wahrhaft Elektrisierendes von rechts, wo Scholly an der Gitarre zu Höchstform aufläuft, und von links, wo Wojtasik sich als zweite Stimme aus der Blechabteilung auch solistisch immer wieder ideenreich zu Wort meldet.

Zu einem spannenden Jazzabend gehört mehr als eine schweißtreibende Jagd durch die Schluchten des Balkans. Nicolas Simion gibt dem Publikum Zeit zum Luftholen, indem er das Tenorsaxofon gegen die Bassklarinette tauscht oder auch schon mal die Tarogato, ein altes Holzblasinstrument, zum Einsatz bringt.

Dunkle, warme Klänge fließen plötzlich in den Raum. Da passt es gut, dass Burgwinkel die Sticks beiseite legt und mit den bloßen Händen spielt, nur mit den Fingerkuppen die Becken betupft und die Gelegenheit nutzt, immer wieder Flüsterklänge aus seinem gut sortierten Percussion-Koffer in den Soundteppich einzuweben.

Grüße aus New Orleans

Auch Alex Morsey gönnt sich und dem Publikum hin und wieder etwas Abwechslung, legt den Kontrabass um und beatmet die Tuba. Der Sprung von Europa nach Amerika glückt. Aus transsylvanischen Grooves werden samtschwarze Grüße aus New Orleans. Das Publikum tobt, hat auch nach erklatschter Zugabe noch nicht genug. Mehr gibt’s beim nächsten Mal. Köln ist nicht weit.

Quelle: RP

 
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