Dinslaken: Weihnachten auf dem Klo
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 26.11.2007Dinslaken (RPO). Besser Fleischwurst mit Schnaps als gar kein Weihnachtsessen. Wer sich Heiligabend auf der Toilette eines Kaufhauses einsperren lässt, darf nicht wählerisch sein. Die Burghofbühne schlägt gleich drei „Herren“ die Klotür vor der Nase zu – und landet damit den Brüller der Saison.
„Harry’s Christmas“
Vor einem Jahr inszenierte Lars Helmer das Weihnachtsstück „Harry’s Christmas“. Auch darin geht es ums Eingesperrtsein – in der eigenen Wohnung, in Einsamkeit und Ödnis. Das Ein-Mann-Stück mit Erwin Kleinwechter ist am ersten Weihnachtstag (Dienstag, 25. Dezember), 17 Uhr, im Studio im Tenterhof, Luisenstraße, zu sehen.
Die Idee für diese wahnwitzige Schiethaus-Komödie könnte von einem Engländer stammen. Tatsächlich kommt sie aus Schweden. Jan Ericson hat das Stück Ende der 70er Jahre geschrieben. Das war die Zeit, als die Koteletten lang und die Krawatten breit und bunt waren. Da gab es noch keine Handys. Wer das Pech hatte auf einer Kaufhaustoilette festzusitzen, dem half kein Telefonjoker. Der brauchte Geduld. Genau die haben die Männer, denen ihr Harndrang die Feiertage verhagelt, nicht. Sie rütteln an der Klinke, treten gegen die Tür, schreien und schimpfen. Alles vergeblich. Hilfe ist nicht in Sicht. Der Nachtwächter hat über die Feiertage frei. So sind Stefan Riemer, Verkäufer in der Sportabteilung, der Lagerarbeiter Reinhard Dahlmann und Geschäftsführer Karl-Heinz Bruns dazu verdonnert, drei Tage gemeinsam auf der Keramik zu verbringen.
Alptraum in gefliestem Weiß
Matthias Müller hat den „Herren“ für ihre weihnachtliche Sitzung einen Alptraum in gefliestem Weiß mit Urinal, vier Kabinen, türkisfarbenen Türen, Spiegel, Waschbecken und Seifenspender auf die Bühne gestellt. Ein wunderbarer Ort, um sich so richtig auszutoben. Regisseur Lars Helmer gibt seinen Schauspielern viel Raum, achtet jedoch penibel darauf, dass die Komödie nicht auf das Niveau eines oberflächlichen Hauruck-Stücks abrutscht. Statt platter, Beifall heischender Gags gibt es zündende Situationskomik am laufenden Band. Wenn etwa der Chef auf dem Schaukelpferd, das er als Geschenk für seinen Sohn gekauft hat, über die Fliesen reitet oder sich das Trio mit „Schinkenklopfen“ die Zeit vertreibt, nur um dem Herrn Geschäftsführer lustvoll den Hintern zu versohlen, sind Lacher programmiert.
Auch der Ekelfaktor, der auf der bis zwölf reichenden Skala bei etwa fünf liegen dürfte, tut Wirkung. Da wird mit einem neben der WC-Schüssel gefundenen Stahlkamm Fleischwurst aufgeschnitten. Der Geschäftsführer serviert mit Gönnermiene Chipskrümel in Klopapierschälchen. Und am Ende schwingt er auch noch majestätisch die Klobürste. Vielleicht winkt er ja Monty Python zu. Wer weiß. Entscheidend ist: Die Komödie funktioniert. Sie ist nicht albern, sondern in bestem Sinne komisch. Darüber hinaus wird sie sogar ihrem sozialkritischen Anspruch gerecht. Leif Scheele gibt den Chef. Sein Karl-Heinz – die Herren gehen sehr schnell zum Du über – ist ein überheblicher, selbstgerechter Sesselfurzer mit zur Haarmütze gefönter Blondperücke und Waschzwang. Der direkte Kontakt mit Untergebenen ist ihm unangenehm bis widerlich. Deshalb mimt er weiter den Entscheider. Das schafft Distanz. Doch auf dem Klo gelten andere Regeln. Da bleibt der Chef nicht lange Chef, wenn seine Untergebenen wissen, dass er neben der Kloschüssel in Wodka eingelegte Feigen gebunkert hat. Denn erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Nach dieser Brechtschen Erkenntnis handelt auch Stefan. Andreas Mayer gibt den schlaksigen Duckmäuser als hyperaktiven Anschleimer, der gern petzt und auch mal mobbt, wenn‘s denn gerade passt. Der dritte im Bunde ist ein glänzend aufgelegter Erwin Kleinwechter, der als Dahlmann die Bühne dominiert. Er ist der Sympathieträger dieser Notgemeinschaft. Ein Kumpeltyp mit Bauch und Bommelmütze, der der Situation als einziger etwas Positives abgewinnt: Es ist das erste Mal, dass er Weihnachten in Gesellschaft verbringt.
Das will gefeiert sein. Mit Fleischwurst, Brot und Doppelkorn. Getrunken wird aus Schraubverschluss und Tasse. Da kommt Stimmung auf. Und weil zu Weihnachten auch Weihnachtslieder gehören, schallern die Herren das Lied vom Tannenbaum und von den Kinderlein, die kommen sollen. Weil‘s so schön ist, gibt Dahlmann noch eine Zugabe aus dem „Dschungelbuch“: „Probier‘s mal mit Gemütlichkeit“. Dazu ein Tänzchen und einen Sonderapplaus für Erwin Kleinwechter. Baloo der Bär hätte es nicht besser machen können. Am Schluss sind alle besoffen. Zum Schlafen ziehen sie sich auf die Schüssel zurück. Tür zu, Licht aus. Fröhliche Weihnachten.
Komik mit satirischem Biss
Komik ist gut. Lars Helmer würzt das Komische mit satirischem Biss und macht es dadurch besser. Mit welcher Selbstverständlichkeit er sich die drei Leidensgenossen in ihre WC-Zellen zurückziehen lässt, als seien dies die gemütlichsten Hotelzimmer der Welt, an die der Fremde anzuklopfen hat, ist einfach köstlich. Die Entschlossenheit, mit der er die Hackordnung der drei durcheinanderwirbelt und zivilisierte Menschen in Dumpfbacken verwandelt, die sich die Nasen blutig schlagen, nur weil sie unfähig sind, eine so banale Situation wie das Eingesperrtsein auf einer Toilette zu ertragen, erinnert teilweise sogar an die erfrischenden Anarcho-Attacken der Marx-Brothers. Treffend inszeniert, brillant gespielt. Kräftiger Applaus und viele Vorhänge für einen höchst vergnüglichen Theaterabend.
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