Dinslaken: Wie Kinder Barrieren übermalen
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 21.08.2007Dinslaken (RPO). Wer keine Arme hat, muss mit dem Mund malen. Oder mit den Füßen. „Beides ist ganz schön schwer“, meint Annika. Die Achtjährige besucht die 3a der Gartenschule in Dinslaken – eine von 13 Klassen, die beim Malwettbewerb „Menschen mit Behinderungen“ mitgemacht haben.
Seit gestern sind die Bilder im Rathaus, in der Stadtbibliothek, im Museum Voswinckelshof und im Kaufhaus Hertie zu sehen. Zur offiziellen Eröffnung in der Kundenhalle der Sparkasse waren – stellvertretend für alle sieben Schulen, die bei der Aktion mitgemacht haben – acht Gartenschüler mit ihren Lehrerinnen gekommen. Und die waren stolz wie Oskar, als sie ihre Bilder an den Stellwänden entdeckten: Mund- und Fußgemaltes in bunten Aquarellfarben, versehen mit Kommentaren und Fotos von einer ungewöhnlichen Aktion auf dem Schulhof.
Die Tücken des Alltags
Sieben Schulen
An der Gestaltung der „Jugend-Kulturstationen“ in der Sparkasse, im Hertie-Kaufhaus, im Rathaus und im Museum Voswinckelshof haben sich sieben Schulen beteiligt: Grundschule Am Weyer (3a, 3b), Bruchschule (2a, 2b), Gartenstraße (1b, 2a), Hühnerheide (2a), Klaraschule (3a), Waldschule, THG (7d, 8a, 8b, 8d).
Die Tücken, die Menschen mit Behinderungen im Alltag auflauern, beleuchten Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums (THG). Hier kippt jemand aus seinem Rollstuhl. Dort will ein Junge trotz Beinprothese Fußball spielen. Ein Mädchen mit einem künstlichen Bein gewinnt das Radrennen. Auf einer Party tanzen Behinderte und Nichtbehinderte auf den Tischen. Manche Rollstuhlfahrer stehen ratlos vor Toiletten, die nur über Treppen zu erreichen sind, andere fahren Fahrstuhl oder machen Tempo beim Rolli-Rennen.
Die Kinder erweisen sich nicht nur als gute, sondern auch sehr sensible Beobachter. Ihr Bilder zeigen, wo es hakt in unserer Gesellschaft. Und sie liefern konkrete Vorschläge und Verhaltensregeln, wie sich das, was nicht so gut läuft, besser machen lässt. Daniela Schmidtke aus der 7d des THG hat dazu eine klare Meinung: „Ich finde, dass normale Menschen Behinderte viel zu sehr ausgrenzen. Ich finde das bescheuert.“ In der Galerie im Hertie-Kaufhaus sorgen Jungen und Mädchen der Waldschule Bucholtwelmen mit ihren Arbeiten für Farbe. Die Bilder im Rathaus rücken das Thema „Sport und Freizeit gemeinsam erleben“ in den Vordergrund. Es sind Collagen, in denen die Kinder der Bruchschule Fotos und Artikel aus Zeitschriften verarbeitet haben. Sie zeigen fröhliche Menschen und manch gut gelauntes Tier. Das bestgelaunte stammt von Pia und Cili und hat gemeinsam mit vielen anderen Bildern von Kindern des Theodor-Heuss-Gymnasiums und der Grundschule Am Weyer den Weg ins Museum Voswinckelshof gefunden. Man erkennt es auf den ersten Blick: das Dinslakener Therapiepferd Olli.
Die Ausstellung mit den insgesamt 159 Bildern aus 13 Klassen endet am 14. September. Was danach mit den Bildern geschieht, ob möglicherweise einige für einen guten Zweck versteigert werden, darüber wollen Werner Grotz, der die Ausstellung für die IG Metall organisiert und gemeinsam mit der DIN@MIT GmbH und der Aktion „Mittendrin statt außen vor“ ausgerichtet hat, noch nachdenken. Fest steht, dass die schönsten Bilder in einem Kalender verewigt werden sollen. Eine Klasse bekommt das Deckblatt, die anderen zwölf je ein Monatsblatt.
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