Dinslaken: Wo Kirche auf die Straße geht
zuletzt aktualisiert: 24.08.2007Dinslaken (RPO). DIN-Tage sind laut, der DIN-Tage-Gottesdienst ist leise – und seit vielen Jahren beliebt. Heute laden die evangelische und katholische Kirchengemeinde zum 33. Mal zum Beten auf der Straße ein.
Ronny Schneider, Pastor der evangelischen Stadtkirche Dinslaken, war von Anfang an dabei. Für ihn ist es der 33. ökumenische DIN-Tage-Gottesdienst. Für seinen katholischen Kollegen Pastor Theo van Doornick ist es der erste. Ralf Schreiner sprach mit Pfarrer Schneider.
Herr Schneider, woran liegt es, dass der DIN-Tage-Gottesdienst seit Jahren so großen Zulauf hat?
Schneider Es liegt daran, dass die Kirche ihren angestammten Platz verlässt und an einen ungewohnten Ort geht. Wir warten nicht darauf, dass die Leute zu uns kommen. Wir gehen zu ihnen, raus auf die Straße. Es liegt aber auch daran, dass wir nicht nur innerkirchliche Themen behandeln, sondern Themen von gesellschaftspolitischer Bedeutung. Wir verbinden Themen mit dem Evangelium, die in der Stadt und der Welt wichtig sind und die Menschen berühren.
Thema aus Bergpredigt
Auch der 33. ökumenische DIN-Tage-Gottesdienst unter freiem Himmel findet auf der Duisburger Straße, vor der Stadtkirche, statt. Er beginnt heute um 19 Uhr. Das Motto des Gottesdienstes stammt aus der Bergpredigt: „Selig sind die Sanftmütigen.“ Feiern werden ihn Pastor Theo van Doornick und Pastor Ronny Schneider.
Spielt die Musik eine Rolle?
Schneider Auf jeden Fall. Im DIN-Tage-Gottesdienst singen wir eine Fülle neuer geistlicher Lieder. Paul Beszynski ist mit dem kleinen Chor dabei, Daniela Ratajczak beteiligt sich mit dem Bläserkreis. Die Musik ist ökumenisch ausgerichtet und spricht Christen beider Konfessionen an. Beim ersten Mal haben wir betont, dass wir Lieder singen, die nicht im Gesangbuch stehen. Mittlerweile sind die meisten von ihnen ins Gesangbuch gewandert. Wir feiern jetzt den 33. DIN-Tage-Gottesdienst. Als wir 1975 begannen und ich Pastor Bernhard Kösters von der Vincentius-Gemeinde sagte, wir sollten 1000 Programme auflegen, hat er mich für verrückt erklärt. Aber dann haben wir gestaunt und uns gefreut. Es kamen 1200 Menschen.
So viele kommen heute nicht mehr.
Schneider Stimmt, die Zahlen sind ziemlich abgebröckelt. Aber im Schnitt feiern noch immer etwa 200 Christen den Gottesdienst mit.
Wie lautet diesmal das Thema?
Schneider Wir haben ein Thema aus der Bergpredigt ausgewählt: Selig sind die Sanftmütigen. Wir wollen uns gegen Gewalt aussprechen, in der Stadt und weltweit. Pastor Theo van Doornick wird auf die Situation in Dinslaken eingehen. Ich werde den weltpolitischen Aspekt ansprechen.
DIN-Tage sind eine recht quirlige, laute und rummelige Veranstaltung. Es gibt nur wenige Nischen, die ein wenig Ruhe versprechen. Die Oase der Ruhe im Burginnenhof gehört dazu. Der Gottsdienst ebenso. Wie wichtig sind solche Nischen – nicht nur beim Stadtfest, sondern auch im täglichen Leben?
Schneider Man kann nicht immer nur powern. Ich persönlich brauche den Zugang zu der Quelle, zum Wort Gottes und zum Gebet. Ich fange den Tag immer geistlich an, hole mir einen biblischen Gedanken in den Kopf und versuche das, was mir den Tag über begegnet und was in meiner Umgebung geschieht, mit diesem Gedanken in Verbindung zu bringen.
Ein Beispiel?
Schneider Nehmen wir das Gebot: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ich nicht ausschließlich für andere da bin, sondern auch mir selbst Gutes tun sollte. Ich kann anderen Kraft geben, muss mir aber auch die Zeit nehmen, selbst Kraft zu tanken. Es kommt darauf an, die Balance zu halten.
Viele Menschen holen sich diese Kraft bei einem stillen Gebet in der Kirche. Sie nutzen den Raum zur Meditation. Die Kirchen reagieren auf dieses Bedürfnis, indem sie sich öffnen. Ist der Hunger nach spirituellem Trost größer geworden?
Schneider Es ist schwierig, das abschließend zu beurteilen. Die Stadtkirche ist seit 1974 als offene Kirche eingerichtet. Sie wird extrem gut besucht. Es gibt viele Christen, die brauchen für sich keinen Gottesdienst und keinen Pastor. Ihnen genügt der Kirchraum, um mit ihren Gedanken bei Gott zu sein.
Bislang haben Sie den DIN-Tage-Gottesdienst gemeinsam mit Pastor Bernhard Kösters gefeiert. Der ist jetzt im Ruhestand und wohnt in Emsdetten. Wird er Ihnen fehlen?
Schneider Er fehlt uns nicht nur im DIN-Tage-Gottesdienst. Er fehlt uns überhaupt. Ich habe in den vergangenen Tagen intensiv an ihn gedacht. Aber die Tradition des DIN-Tage-Gottesdienstes wird fortgesetzt und die ökumenische Zusammenarbeit mit Sankt Vincentius auch. Pastor Theo van Doornick und ich werden das, was hier gewachsen ist, gemeinsam fortführen. Wir sind bereits in intensiven Vorbereitungen für die Kinderbibelwoche.
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