Dinslaken: Zahnloser Zombie
VON RALF SCHREINER - zuletzt aktualisiert: 22.10.2007Dinslaken (RPO). Den schönen Schauder des Schreckens wollte Thorsten Weckherlin mit „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ auf die Bühne bringen. Das ging daneben. In einer enttäuschenden Inszenierung führte die Burghofbühne in der Kathrin-Türks-Halle statt der mordenden Bestie einen zahnlosen Zombie vor.
Die Inszenierung
Das Theatersolo „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ hat Josef Hofmann nach dem Roman von Robert Louis Stevenson erarbeitet.
Inszenierung: Thorsten Weckherlin, Regiemitarbeit: Felix Gattinger, Choreographie: Sabine Seume, Bühne: Kay Anthony, Kostüme: Sandra Nienhaus.
Jekyll/Hyde: Josef Hofmann
Sina – ein Mädchen: Iris Kunz
London im Nebel. Mord auf offener Straße. Aus dem Dunkel hallen die Schläge, mit denen ein unsichtbarer Killer den Schädel seines Opfers zertrümmert. Dann wird es hell auf der Bühne. Wir sind zu Gast bei Dr. Jekyll, einem ehrbaren Wissenschaftler, besessen von der fixen Idee, mittels eines Elixiers das Gute im Menschen vom Bösen zu trennen. Josef Hofmann gibt diesen Gentleman als unauffälligen Zylinderträger mit schwarzer Weste. Wenig später wird er in seinem Labor – Thorsten Weckherlin reduziert es auf ein rotes Ölfass und ein paar Alu-Eimerchen –, eine Droge mixen, die ihn zum Monster macht.
Kleiner Schluck, große Wirkung, und schon ist er los, der Mr. Hyde. Ein Blick in den Zerrspiegel beweist es. Ja, so sehen Bestien aus. Josef Hofmann ackert und rackert, klettert, springt und hangelt, fällt und zappelt, tanzt und schleicht – mutig spielt er gegen die Übermacht der fast leeren Bühne an, die den Blick bis in den Schnürboden freigibt, mühelos füllt er den Raum aus. Nur will sich bei aller Anstrengung kein Schaudern einstellen, der Zuschauer spürt nicht einmal eine Ahnung dessen, was man gemeinhin Grauen nennt. Der Schrecken bleibt auf der Strecke.
Eine zu schöne Bestie
Das liegt zum einen daran, dass die Figurenzeichnung kaum über Klischees hinauskommt. Dr. Jekyll wirkt artig, beinahe langweilig und zu wenig getrieben, als dass man ihm eine durch Drogen gelenkte Persönlichkeitsspaltung zutrauen würde. Mr. Hyde ist viel zu zahm. All das Rohe und Triebhafte, das Stevenson in seine Romanfigur hineingeschrieben hat, tritt nur ansatzweise zu Tage. Hinzu kommt, dass die Metamorphose vom Gentleman zur Bestie in Weckherlins Inszenierung zu schön gerät, zu ästhetisch und glatt. Der choreographische Stempel, den Sabine Seume der Inszenierung aufdrückt, rückt das Solo für zwei in die Nähe des Tanztheaters.
Eine Bestie mordet, sie erklärt nicht, warum sie es tut. Sie reflektiert auch nicht darüber, dass sie grausam, „kalt und mitleidlos wie ein Stein“ oder „ein lebender Toter“ ist. Sie ist es einfach und folgt ihrem Trieb. Was im Roman funktioniert – die Reflexion über den Kampf zwischen Ich und Über-Ich – scheitert auf der Bühne.
Ein Mr. Hyde, das personifizierte Böse, die Bündelung aller dunklen Triebe, bremst sich selbst aus, wenn er neben der Leiche einer frisch gemeuchelten Hure (stumm und schön: Iris Kunz) zuckend und ruckend über sein eigenes Schicksal philosophiert – dazu noch mit der selben Stimme, mit der zuvor Dr. Jekyll über die Grundzüge seines Selbstversuchs doziert hat. Da kann noch so sehr der Schaumwein spritzen, da mögen im Finstern noch so laut die Knochen krachen – dionysische Raserei sieht anders aus.
So richtig es war, das „Theatersolo“ von 70 auf 50 Minuten runterzufahren, so falsch war es, Hyde textliche Fußfesseln anzulegen. Unverständlich auch, warum Weckherlin dem Monster die Nacktheit genommen hat. Noch vor einer Woche hatte der Regisseur die Figur nur mit einem Suspensorium bekleidet auf die Probebühne geschickt. Josef Hofmann, klein, athletisch, 80 Kilo schwer, strahlte unter seinem Mehlpanzer Kraft und Grausamkeit aus, wirkte bedrohlich, beinahe unheimlich. Bei der Premiere blieb die Hose an. Der Protagonist durfte sich nur noch Hemd und Weste vom Körper reißen. Damit domestiziert Weckherlin das Böse, noch ehe es richtig ausgebrochen ist.
Und eben deshalb enttäuscht die Inszenierung. In diesem Hyde steckt zu viel Jekyll. Eine wirkliche Spaltung der Persönlichkeit findet nicht statt. Was bleibt ist ein Hand voll schöner Bilder. Zehn blutrote Abendkleider, die auf die Bühne schweben und Charleston tanzen, gehören dazu. Den Abend retten sie nicht.
Gefälliger Applaus.
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