Flug über das "Still-Leben" auf der A40: 300 Meter über dem Revier
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 19.07.2010 - 12:50Flug über das "Still-Leben" auf der A40 (RPO). Ein Flug über die A 40 zeigt das Ruhrgebiet wie eine polierte Landschaft: mit auffallend vielen Bolzplätzen, mit der heilen Welt der Schrebergärten, den Denkmälern einer vergangenen Industriekultur und der A 40, die sich wie ein großer und vitaler Strom durchs Ruhrgebiet schlängelte.
Über der A 40 Auch Überflieger beginnen einmal bodenständig. Und so wartet unser Helikopter mitten auf der "Helmut-Rahn-Sportanlage". Dass hier allerdings der SC Phönix Essen sein Spielwesen treibt, verweist dann doch wieder auf unser Vorhaben, das ganze Still-Leben und das ganze Revier – wohlgemerkt: in aller Bescheidenheit – vom Himmel hoch zu betrachten.
Dass alle Helikoptertüren beim Flug geöffnet bleiben sollen, wussten wir zwar nicht. Aber aus Gründen einer noch viel besseren Sicht leuchtet das natürlich ein. Die Beckengurte sind auch eher einfache Modelle, und damit sie auf 1000 Fuß (das sind 300 lebensgefährliche Höhenmeter) nicht aufspringen, werden sie mit einem recht dünnen Tesefilm-Streifen umwickelt. Auch das leuchtet ein, weckt aber beim Start insgesamt ein paar doofe Gefühle.
Wie ein Fluss im Revier
Die wahren Heldengeschichten werden jedoch da unten mitten im Getümmel auf dieser alten Handelsstraße geschrieben, die sich die Menschen mit offenkundig großer Lust einheimsen. Es ist ihre Straße, die ausgiebig begangen, bestaunt, beradelt, bespielt und bescatet werden muss. Von oben ist das jetzt eine große Schlagader, die sich eigentlich wie ein Fluss durchs Revier windet. Und fast parallel davon und fast in ähnlichen Windungen fließt ein richtiger Fluss, der dieser Region einen Namen und den Menschen eine Geschichte gab: die Ruhr.
Alles zum "Still-Leben"
- Unterwegs: Der erste Fahrradstau meines Lebens
- Ausnahmezustand: der fröhlichste Stau des Jahres
- RP-Tische: Hier gab es Tango Argentino
- Verkehr: Autofrei und dennoch Stau
- Protokoll: So verlief der Still-Leben-Tag
- Video: "Dat is einfach zu voll hier"
Sie hat auch der Autobahn eine Bezeichnung hinterlassen: Der Ruhrschnellweg ist einer der wichtigsten Straßen in Deutschland, der zentrale Transitweg zwischen Ost und West. Als eine Durchgangsstraße ist sie lange Zeit kein so toller Werbeträger gewesen.
"Nur schnell weg" hieß früher die lautmalerische Übersetzung der A 40. Und die Städtebauer haben sich alle Mühe gegeben, diesen Charakter noch zu untermauern, mit riesigen Betonwänden, die jetzt mit frischer grüner Farbe nicht erheblich besser aussehen, nur eben etwas grüner.
Weil es vielleicht keinen hartnäckerigen Gegner als das Klischee gibt, ist der Kampf des Ruhrgebiets um eine eigene Zukunft so heroisch. Aus unserer Höhe bedrängen einen andere Bilder: Wie dicht die A 40 außerhalb der Großstädte von Bäumen umstanden ist – fast wie eine Allee! Und wieviel Bolzplätze (zumeist aus Asche) hier sind und wie wenige Arenen mit den Allerweltsnamen ihrer Sponsoren.
Wie eine putzige Märklin-Welt
Am Horizont triumphiert rostigbraun die Zeche Zollverein, auf der vor einem halben Jahr die Kulturhauptstadt eröffnet wurde – auch unter ganz freiem Himmel, allerdings bei dichtem Schneefall und empfindlichen Temperaturen, die locker 30 Grad niedriger lagen als gestern.
Die Zeche Zollverein gehört zu jenen kolossalen Industriedenkmälern, die wir ja erst zu lieben gelernt haben, seit sie ästhetisch aufgehübscht und unbefragt zu Kunstwerken verwandelt wurden. Wie echt und schrullig wirken dagegen immer noch die akkuraten Anlagen der Schrebergärten, von hier oben eine heile Märklin-Welt im putzigen HO-Format.
Der Blick geradewegs aus dem Himmel über der Ruhr verrät bei allem Neuen und Strukturgewandeltem dieses ungeheure Landschaftsgedächtnis – mit seinen Halden, kahl oder begrünt, mit den vielgleisigen Schienensträngen, auf denen das fortgeschafft wurde, was die Bergleute aus der Erde holten. Ja doch, an ein bisschen Kohle-Folklore kommt man auch aus luftiger Höhe nicht vorbei, an dem Mythos von der sogenannten ehrlichen Arbeit.
Dabei erzählt der Bergmanns-Gruß "Glück auf" sehr genau, worum es eigentlich gegangen ist: ums Überleben. Mitte der 1960er Jahre schufteten rund 500 000 Kumpel im Revier. Heute sind es keine 30 000 mehr. Auch Mythen sind plötzlich ermesslich geworden.
Aber gibt es dieses Revier überhaupt? Oder ist es nur eine Illusion, die wir uns auch von hier oben munter zusammenreimen? Selbst die durchgängige Bebauung lässt keinen Metropolen-Gedanken aufkommen. Die Häuser brauchen ihre Siedlung, die Siedlungen wünschen Beständigkeit. Links und rechts der A 40 ist wenig Übermut im Spiel; zu selten zeigt sich im Städtebild der große, mutige Gedanke.
Man kann noch so hoch fliegen wie man will, das Ruhrgebiet mit seinen gut fünf Millionen Menschen ist und bleibt ein Ort von subjektiver Schönheit – ob aus dem Himmel betrachtet oder unten vom Rasen der "Helmut-Rahn-Sportanlage". Nächste Woche trainiert hier wieder die Herrenmannschaft von Phönix. Und nebenan rollt dann der dichte Verkehr über den Ruhrschnellweg. Der Alltag kehrt zurück mit seinen Unbilden, mit einer Arbeitslosenquote von über 13 Prozent in vielen Städten des Ruhrgebiets.
Davon wollen die Rotoren jetzt nichts wissen, die sich nur langsam beruhigen können. Der Gurt hat gehalten – auch der Tesafilm. Doch wieder zurück im Getümmel der Menschen auf der A 40 wird klar, was die schönen Blicke von oben zeigten: eine polierte Landschaft.
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