Duisburg/Düsseldorf: Ärztemangel in "Brennpunkt-Vierteln"
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER - zuletzt aktualisiert: 13.01.2010 - 14:37Nicht nur auf dem Land gibt es immer weniger Hausärzte. In sozial schwachen Stadtteilen in Ballungszentren wie Duisburg und Düsseldorf sei die Situation ähnlich dramatisch. Vielen Ärzten fehle die Motivation, dort zu arbeiten.
Dr. Ralph Eisenstein, Vorsitzender der Kreisstelle Düsseldorf der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, warnt vor einem steigenden Ärztemangel in sozialschwachen Stadtteilen in Ballungszentren wie Düsseldorf und Duisburg. Längst seien nicht mehr nur die ländlichen Gebiete betroffen. Die Situation in vielen Großstädten bezeichnet Eisenstein als eklatant. Fachärzte seien in den „Brennpunkt-Vierteln” kaum noch zu finden. Bei den Hausärzten sei die Lage ähnlich kritisch. Die Arbeit dort sei einfach finanziell nicht attraktiv. „Kein Mediziner möchte in den sozial schwachen Stadtteilen noch arbeiten, weil eine Praxis dort aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum noch zu betreiben ist”, sagt Eisenstein.
30 Euro habe ein Hausarzt zur Verfügung, um einen Kassenpatienten drei Monate zu betreuen - viel zu wenig finden die Mediziner. „Das kann nicht funktionieren, schon gar nicht in den ärmeren Vierteln, weil die Menschen dort im Vergleich zu attraktiveren Wohngegenden wesentlich öfter krank werden und dementsprechend häufiger zum Arzt gehen”, erklärt der Experte. Privatversicherte gibt es in diesen Gegenden nur sehr wenige. „Nur von Kassenpatienten kann keine Arztpraxis überleben. Man braucht einen gewissen Anteil an Privatversicherten, sonst droht die Pleite”, sagt Eisenstein.
Deswegen sitze der Frust bei vielen Ärzten tief. Besonders das Verhältnis zwischen Arzt und Patient würde unter der Situation leiden. „Manchen Ärzten fehlt wegen der Zustände die Motivation, viele reagieren gereizt, wenn ein Patient ständig bei ihm erscheint”, sagt Eisenstein.
Und die Lage werde sich in den nächsten Jahren dramatisch zuspitzen. Denn immer mehr Ärzte in den städtischen Brennpunkten gehen in den Ruhestand, einen Nachfolger für ihre Praxen finden sie nicht. In Düsseldorf seien schon jetzt besonders die Stadtteile Garath, Eller und Heerdt vom Ärztemangel betroffen. Im Duisburger Stadtteil Marxloh gibt es schon jetzt keinen einzigen Kinderarzt mehr, obgleich es eine sehr kinderreiche Gegend ist. „Besonders im Westen und Norden der Stadt fehlen Ärzte”, sagt Dr. Helmut Gudat, Vorsitzender der Kreisstelle Duisburg der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Statistisch gesehen weist Duisburg eine Überversorgung an Ärzten auf, denn die Stadt werde gesetzlich als Einheit gewertet. Das sei aber Augenwischerei, meinen die Experten. Denn gezählt wird in der Statistik nur die Anzahl der vorhandenen Ärzte in der Stadt, nicht auf welche Stadtteile sie sich verteilen. So gibt es in Duisburg besonders viele Praxen in der Innenstadt oder in attraktiven Wohnvierteln. In Bruckhausen, Marxloh oder Meiderich hingegen fehlen die Ärzte.
Besonders für Ältere und Menschen mit Gehbehinderungen ist das ein Problem. „Den Arzt um die Ecke wird es in vielen Stadtteilen bald nicht mehr geben”, meint Gudat. Das sei besorgniserregend, weil die Gesellschaft im Zuge des demografischen Wandels immer älter werde.
Die Entwicklung sei kaum aufzuhalten. "Man kann schließlich keinen Arzt zwingen, in den betroffenen Stadtteilen zu arbeiten", sagt Gudat. Von der Zusammenlegung von Praxen, wie es für ländliche Gebiete vorgeschlagen wird, hält Gudat wenig. "In der Stadt würde das die Situation in den Stadtteilen noch verschlechtern."
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