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Duisburg: Alle dachten sofort an die Mafia

VON HILDEGARD CHUDOBBA - zuletzt aktualisiert: 09.08.2008

Duisburg (RPO). Die Mörder der sechs Italiener sind zwar bis heute nicht gefasst. Dennoch ist das furchtbare Verbrechen, das am 15. August die Stadt erschütterte, theoretisch aufgeklärt.

Neben der Silberburg an der Mülheimer Straße in Neudorf waren am 15. August sechs Menschen erschossen worden. Stundenlang sperrte die Polizei den Bereich ab und suchte nach Spuren und Hinweisen auf die Täter. Foto: RPO

Innerhalb von wenigen Minuten starben am frühen Morgen des 15. August vorigen Jahre vor dem „Da Bruno“ an der Mülheimer Straße sechs Menschen im Kugelhagel, Opfer einer – wie man heute weiß – Familienfehde.

Das „Da Bruno“ gehörte bis dahin zu den etablierten italienischen Restaurants in der Stadt. Das Angebot war gut, die Preise fair, das Ambiente gediegen, die Lage im ehemaligen Klöcknerhaus am Bahnhof zentral.

Dass der Pächter Sebastiano S. aus dem kalabrischen San Luca stammte, wussten hier wohl kaum jemand. Und dass dort die Ndrangheta ihr Unwesen treibt, gleichfalls. Heute sind der Name des Ortes und dieser Verbrecherorganisation mit Sicherheit viel mehr Duisburgern ein Begriff.

Familiäre Privatfehde

Es war kurz nach ein Uhr, als der Pächter und fünf seiner Landsleute in ihre Wagen stiegen, um nach Hause zu fahren, als sich ein schwarzer Renault Clio näherte. Unvermittelt eröffneten die Täter das Feuer und richteten ihre Opfer hin, die – wie später bekannt wurde – an diesem Abend einander mit einem Ritual in die „Ndrangheta“ aufgenommen hatten.

Ebenfalls erst später ermittelten die Kriminalbeamten, dass dies mit dem Sechsfach-Mord in keinem unmittelbaren Zusammenhang stand. Erst heute wissen sie, dass das Blutbad nicht im Auftrag der Ndrangheta-Bosse geschah, sondern Ergebnis einer familiären Privatfehde gewesen ist.

Kriminaldirektor Holger Haufmann war vom ersten Tag an in die Ermittlungen der sechs Morde vor dem „Da Bruno“ eingebunden. Foto: RPO

Der inzwischen als mutmaßlicher Täter ermittelte und untertauchte Giovanni Strangio soll voll Hass auf diejenigen gewesen sein, die ein Jahr zuvor in San Luca eine alte Frau getötet und ein Kind schwer verletzt haben sollen. Der Täter soll einer der in Duisburg Getöteten gewesen sein. Alles das war vor einem Jahr unbekannt, als Anwohner des „Da Bruno“ an der Mülheimer Straße die Polizei informierten, weil sie Schüsse gehört hatten. Denen, die als erste am Tatort eintrafen, bot sich ein Bild des Grauens.

In zwei Autos vor dem Lokal fanden sie die sechs Männer tot oder dem Tod unrettbar nahe. Die Rettungskräfte konnten nur noch Leichen abtransportieren. Augenzeugen, die hätten vernommen werden können, gab es so gut wie keine. Und die, die etwas gesehen hatten, konnten zum eigentlichen Verbrechen so gut wie nichts sagen. Als es an diesem Tag hell wurde, strömten immer mehr Neugierige an die Absperrbänden in Tatortnähe und legten später Blumensträuße, Kerzen und Gedenkbriefe vor dem Lokal nieder.

Sechs Menschen ermordet vor einem italienischen Lokal – da musste doch die Mafia die Hände im Spiel gehabt haben, dachten sie. Und das befürchtete auch die Kripo, die dennoch zunächst „in alle Richtungen“ ermittelte. Unterstützt vom Mafia-Experten aus Italien, kamen sie den Hintergründen der Morde und den Tätern immer näher. Italienische Medien sorgten dafür, dass das bekannt wurde. Denn die ermittlungsführende Duisburger Staatsanwaltschaft zog es vor, beharrlich zu schweigen, fast so, als ginge die Öffentlichkeit der Fall nichts an.

Ndrangheta, Kalabrien, San Luca – aus dem Interesse der breiten Öffentlichkeit ist das alles weitgehend verschwunden. Verhaftungen, die im Zusammenhang mit den sechs Morden vor dem „Da Bruno“ stehen könnten, werden inzwischen mehr oder minder gleichgültig zur Kenntnis genommen.

Und wer sich heute in dem neu eröffneten Restaurant „Silbertafel“ zu Tische setzt, der denkt höchstens noch in den ersten Minuten daran, dass hier bis zum 15. August 2007 das „Da Bruno“ war.

Quelle: RP

 
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