Duisburg: Altenheim der Zukunft
VON KRISTINA BELKA - zuletzt aktualisiert: 11.03.2011 - 17:12Duisburg (RPO). In einem Homberger Altenheim leben Demenzkranke in Wohngemeinschaften zusammen. Eine Vielzahl von technischen Hilfsmitteln denkt für die Dementen mit. Und entlastet gleichzeitig das Personal.
"Ohne Moos nix los, dat is' schon ma klar", sagt Liane Hess. Mit dem Schalk im Nacken und einem schwarzen Boardercollie-Mix zu ihren Füßen blickt sie verschmitzt zu Besitzerin Heike Perszewski. Dabei streichelt die rüstige Duisburgerin über das Fell ihres vierbeinigen Freundes. Auf den ersten Blick wirkt sie so gar nicht wie jemand, der an Demenz erkrankt ist. Doch die Zeit des Vergessens hat für sie schon längst begonnen. Zusehends beeinträchtigt die Krankheit ihren Alltag.
Schleichend, aber stetig
Früher war die alte Dame eine zupackende und pragmatisch denkende Hausfrau: Sie lebte glücklich mit ihrem Lebensgefährten Manfred, Lokführer bei Krupp, und zwei Kindern in einem Haus in Homberg.
Alpha-Haus
Pro Schicht kümmern sich zwei Alltagsbegleiter um Frauen und Männer im Alter von 64 bis 98 Jahren. Seit 2005 arbeitet das Homberger Altenheim mit Forschern des Fraunhofer-inHaus-Zentrums an Lösungen, wie Menschen lange zu Hause leben und sich dort sicher und versorgt fühlen können.
Heute wohnt sie noch im gleichen Stadtteil, entfernt sich aber immer mehr von ihrem alten Leben: Oft findet sie den Lichtschalter im Bad nicht mehr und vergisst, sich warm anzuziehen oder ausreichend zu trinken. Schleichend, aber stetig schreitet der Verlust ihres Kurzzeitgedächtnisses, Denkvermögens, ihrer Sprache und Motorik voran – der typische Verlauf einer Krankheit, an der rund 1,5 Millionen Deutsche leiden.
Um dementiell Beeinträchtigten dennoch ein möglichst normales Leben zu ermöglichen, wurden 2007 drei betreute Wohngemeinschaften im Alpha-Haus an der Ehrenstraße in Homberg gegründet. Hier bewohnt die Seniorin ein 25 Quadratmeter großes Zimmer. "Wir wollen ihnen möglichst lang ein selbstbestimmtes, würdevolles Leben ermöglichen", sagt die Leiterin der Einrichtung, Heike Perszewski.
Ein Besuch lässt erahnen, wie gelungene Betreuung künftig überall aussehen könnte: Die hell eingerichteten WGs sind mit vielen persönlichen Gegenständen der Bewohner eingerichtet. Dazwischen befinden sich – unauffällig an der Wand – ein Touchscreen für die Dokumentation und eine Zeitschaltuhr, damit auf dem Herd der Gemeinschaftsküche nichts anbrennt. Auch wenn viele technische Raffinessen unsichtbar sind: Hier gehen menschliche Betreuung und technische Unterstützung der Umgebung Hand in Hand.
Wenn Liane Hess beispielsweise nachts ihr Bett verlässt, registriert dies ein Bewegungsmelder mit Sensor. Gleichzeitig springt unter dem Bett und in ihrem Badezimmer das Licht an. Ein Mitarbeiter wird per Kurznachricht auf seinem Telefon informiert und greift im Notfall rechtzeitig ein. Wie im Flugzeug weist der alten Dame zudem eine leuchtende Bodenmarkierung den Weg – Technik als Hilfsmittel für ein selbstbestimmtes Leben. So erhalten Demenzkranke die für sie immens wichtige Orientierung. "Die Bewohner sagen oft, dass sie sich sicherer fühlen. Auch wenn sich jemand einnässt, bemerken wir das sofort", sagt WG-Leiterin Marina Contini.
Tageszeitabhängiges Licht
Bald werde erprobt, wie sich der Schlaf-und Wachrhythmus der Senioren durch tageszeitabhängiges Licht verbessern lässt. Niemand werde jedoch überwacht, betonten Perszeweski und Cantini. Die elektronischen Hilfsmittel entlasten zudem das Personal: "Wir arbeiten einfach entspannter und haben auch mehr Zeit, uns zu kümmern."
Nachdem Therapiehund Oskar davon getrottet ist, will Seniorin Hess noch einen Ausflug zu ihrer Lieblingspommesbude unternehmen. Wenn sie das Haus verlässt, erfasst das System, dass sie nach draußen geht und informiert darüber einen Mitarbeiter per Kurznachricht.
Von alledem bemerkt die 1939 geborene Saarländerin Hess jedoch nichts. Für Technik habe sich eher ihr Mann interessiert, sagt sie und zeigt wehmütig zu ihrer Zimmertür. Dort lehnt ihr Schatz; ein schwarzes Herrenrad. "Damit is der Manfred jeden Tach zur Maloche gefahrn. Immer, wenn ich dat angucke, denke ich, er is' bei mir."
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