Aufklärung nach der Loveparade: Angehörige brauchen viel Geduld
zuletzt aktualisiert: 08.08.2010 - 09:52Zwei Wochen nach dem Unglück bei der Duisburger Loveparade mit 21 Toten kommt die Suche nach den Verantwortlichen nur langsam voran. Jetzt räumte erstmals ein Beteiligter eigene Fehler ein. Ein Crowd-Manager gibt an, nicht eindringlich genug auf Probleme hingewiesen zu haben. Zudem meldet ein Magazin, auch Ex-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers habe auf einen Erfolg der Parade gedrängt. Die Staatsanwaltschaft bittet indes um Geduld.
Erstmals hat ein Verantwortlicher der Duisburger Loveparade öffentlich Fehler eingeräumt. Wenn auch nur indirekt und mit vielen Einschränkungen. "Ich hätte dringlicher auf die Probleme hinweisen müssen", sagte der Psychologe Carsten Walter im Interview dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".
Keine Entscheidungskompetenz
Der sogenannte Crowd-Manager Walter, der die Besucherströme auf dem Veranstaltungsgelände regulieren sollte, sagte dem Bericht zufolge, schon Stunden, bevor die Opfer von den Menschenmassen erdrückt worden seien, habe er das Gefühl gehabt, dass bei der Veranstaltung etwas schieflaufe. Er habe aber nicht die Entscheidungskompetenz gehabt, das Gelände abzuriegeln.
Walter erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei. So hätten er und ein Beamter "geschätzte 45 Minuten" benötigt, die Polizeiführung zu erreichen. Das Problem sei gewesen, dass der Polizist "definitiv" kein Funkgerät gehabt habe und das Handynetz überlastet gewesen sei. Damit widersprach Walter der Darstellung der Polizei im Düsseldorfer Landtag.
Auch Ex-Ministerpräsident Rüttgers soll Druck ausgeübt haben
Im Genehmigungsverfahren zur Loveparade wurde die Stadt Duisburg womöglich auch von der früheren Landesregierung massiv unter Druck gesetzt. Das berichtete das Nachrichtenmagazin "Focus" vorab unter Berufung auf ein Besprechungsprotokoll zum ersten Planertreffen am 2. Oktober 2009.
Demnach betonte Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe, dass der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) "in der Vergangenheit bereits eine Aussage getroffen habe, dass die Loveparade in Duisburg stattfinden sollte". Eine Absage könne daher "lediglich aus gravierenden Sicherheitsbedenken erfolgen".
- Der Zwischenbericht der Stadt Duisburg zum Download: Teil 1 und Teil 2
- Die Trauerrede von Hannelore Kraft im Wortlaut
- Die Predigt von Präses Schneider im Wortlaut
- Die Predigt von Bischof Overbeck im Wortlaut
- Nichts ist mehr wie es war - Der Tag in Duisburg
- PDF: Brief Sauerlands an seine Mitarbeiter und belastende Dokumente
- PDF: Veröffentlichte Unterlagen zur Tragödie
- Alles zur Tragödie
Auch Schaller machte Druck
Kurz vor Beginn der Loveparade erhöhte auch der Veranstalter Rainer Schaller "Focus" zufolge den Druck auf das Duisburger Rathaus. Das Bauamt hatte am 14. Juli wichtige Unterlagen eingefordert, darunter ein Sicherheitskonzept. Fünf Tage später meldete sich eine Anwaltskanzlei im Auftrag von Schallers Firma Lopavent und drängte auf die Erteilung der "Sondernutzungserlaubnis".
Dabei warnten die Juristen vor einer Absage des Megaevents und wiesen auf die "immensen wirtschaftlichen, aber auch ideellen Schäden für Veranstalter, die Metropole Ruhr und die Stadt Duisburg" hin. Am 21. Juli gab die Stadt grünes Licht für die Veranstaltung.
Sauerland war angeblich informiert
Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) war derweil offenbar detailliert über das Planungschaos im Vorfeld der Loveparade informiert. Dies geht aus den vertraulichen Anhängen zu einem 32-seitigen Zwischenbericht über die Katastrophe hervor, wie der "Spiegel" berichtet.
So schrieb demnach die städtische Untere Bauaufsicht am 14. Juni, knapp sechs Wochen vor der Veranstaltung in einem Brandbrief an den Veranstalter, bislang gebe es weder einen "Lageplan" des Geländes noch ein "zielorientiertes Brandschutzkonzept" noch eine Endfassung des Sicherheitskonzepts. Eine Kopie des Schreibens ging laut Vermerk ("Büro OB z. Kts.") auch an Sauerland.
Ende der Ermittlungen noch nicht abzusehen
Laut Staatsanwaltschaft ist noch nicht abzusehen, wann die Ermittlungen abgeschlossen sind und der Prozess gegen die Verantwortlichen beginnt. "Das hängt mit der großen Zahl der Augenzeugen und Geschädigten zusammen, die jetzt erst vernommen werden müssen", so die Staatsanwaltschaft. Den Verantwortlichen droht eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, was mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden kann.
Unterdessen erhebt der Duisburger Baudezernent Jürgen Dressler (SPD) in einem internen Brief an seine Mitarbeiter, der unserer Redaktion vorliegt, massive Vorwürfe gegen Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU). Er sehe „nicht, dass derzeit von einer geordneten Verwaltungsführung ausgegangen werden kann“.
Auch sei in der Duisburger Verwaltung „eine klare Strategie zur Behebung der Krise nach dem Unglück nicht erkenntbar“. Die Verwaltung handele derzeit „ohne Ermächtigung und Vorgaben“.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







