Duisburg: Auch Helfer brauchen Hilfe
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 31.07.2010Duisburg (RPO). Die Duisburger Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Sabine Uhlen hat ehrenamtlich zusammen mit Notfallseelsorgern und anderen Fachleuten auf der Feuerwache Helfer betreut, die vom Einsatz am vergangenen Samstag zurückkehrten. Nicht alle können das Erlebte verkraften.
Es gibt Ereignisse, die so ungeheuerlich sind, dass sie die normalen Verarbeitungsmöglichkeiten eines fast jeden Menschen übersteigen. Die Loveparade-Katastrophe ist gewiss ein solches Ereignis. Natürlich sind die unmittelbaren Opfer die Hauptleidtragenden. Aber auch die Augenzeugen – und da vor allem die Helfer – müssen das, was sie erlebt haben, verarbeiten.
Unterschiedliche Reaktionen
Die Duisburger Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. Sabine Uhlen hat am vergangenen Samstag auf der Feuerwache an der Düsseldorfer Straße zusammen mit Notfallseelsorgern und anderen Fachleuten versucht, den Helfern beizustehen. Einige der Helfer brauchen eine Zeitlang noch weiteren professionellen Beistand. Die Reaktionen der Betroffenen seien unterschiedlich, berichtet Dr. Uhlen. Grob könne man eine Dreiteilung vornehmen, wobei die Übergänge fließend seien. Manche Helfer befanden sich in der enormen Belastungssituation "stundenlang auf einem erhöhten Alarmpegel". Dennoch konnten sie relativ schnell wieder "herunterfahren".
War auch in Haiti
Dr. Sabine Uhlen war im Februar dieses Jahres in Haiti, bei dem Tausende Menschen bei einem Erdbeben starben. Die Duisburger Ärztin ist ehrenamtlich in der Peter-Hesse-Stiftung tätig, die seit 25 Jahren Montessori-Lehrerinnen in Haiti ausbildet und ihnen Starthilfe für eine eigenständige Existenz gibt (die RP berichtete damals ausführlich).
Hier zeige sich eine "hilfreiche Verdrängungsreaktion". Eine zweite Gruppe von Helfern fühle sich nach dem Ereignis wie tot, erstarrt. Diese Menschen erlebten das Ereignis immer wieder, "wie in einer Diashow oder einem Film". Gerüche der Umgebung oder bestimmte Laute können immer wieder wahrgenommen werden. Schlafstörungen, ständig wiederkehrende Angstattacken oder Orientierungsschwierigkeiten seien Symptome. Bei vielen Helfern würden auch irrationale Schuldgefühle auftreten. Immer wieder dränge sich die Frage auf "Habe ich wirklich alles getan?".
Vier bis sechs Wochen
Normalerweise würden diese Symptome allmählich schwächer. Nach vier bis sechs Wochen sollten sie weitgehend verschwunden sein. Deshalb meint die Ärztin: "Auch wenn diese Symptome anfangs beunruhigend sind, so sind sie doch 'normal' in einer 'unnormalen' Situation. Die dritte, jedoch kleinste Gruppe seien Katastrophenhelfer, die längerwährende Schäden erlitten. Bei diesen Menschen treten auch nach sechs Wochen immer wieder Albträume auf. Weitere psychische Symptome seien das Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere, sich ständig aufdrängende Katastrophenbilder, verminderte Arbeits-, Liebes- und Beziehungsfähigkeit. Medizinisch spreche man da von einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Diese sollten durch Spezialisten behandelt werden. Bisweilen könne diese Posttraumatische Belastungsstörung auch verzögert auftreten, beispielsweise nach Tagen oder Wochen, in denen sich der Mensch durchaus stabil gefühlt habe.
Ablenkung ist wichtig
Die meisten Menschen könnten die Katastrophe durchaus ohne professionelle Hilfe verarbeiten. Man dürfe da die seelischen Selbstheilungskräfte der Menschen nicht unterschätzen. Viele Betroffene spürten selber, was sie brauchen: "Mal sprechen, dann auch wieder Rückzug, je nach Befindlichkeit", so Dr. Uhlen. Man solle die Betroffenen nicht zum Berichten drängen: "Sprechen ist wichtig, aber zu tief eintauchen kann wieder belastende Bilder auslösen." Gut sei immer: Ablenkung, Bewegung, Rückkehr zur Routine. Aber auch ganz einfach nur Bewegung und Sport seien hilfreich, besonders im Ausdauerbereich, also Puls 120 in der Minute. "Alltagsbeschäftigungen wirken immer stabilisierend."
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