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Duisburg: Auf der Suche nach Svenja

VON HILDEGARD CHUDOBBA - zuletzt aktualisiert: 23.07.2011

Duisburg (RP). Michael Reißaus zieht es seit der Loveparade-Katastrophe immer wieder nach Duisburg und zur Treppe an der Rampe, wo seine 22-jährige Tochter vor einem Jahr ums Leben kam. Dort fühlt er sich seinem Kind am nächsten.

 Foto: Andreas Probst
Foto: Andreas Probst

Für Svenja hat Manfred Reißaus einen Brief geschrieben. Das in Folie verschweißte Dokument seiner Erinnerungen und Gedanken an sie wird er morgen an der Rampe im Karl-Lehr-Tunnel niederlegen, dort, wo seine 22-jährige Tochter vor einem Jahr ums Leben gekommen ist. Den Ort kennt er genau.

Denn im Fernsehen hat er die Bilder gesehen: Wie seine Tochter am Boden liegt, wie sich daneben ein Sanitäter hilflos über das junge Mädchen beugt, dessen Leben er nicht retten konnte. Schon seit Anfang der Woche halten sich Manfred Reißaus (49) und seine Lebensgefährtin Anja Kassen (44) in Duisburg auf. Sie hielten es in ihrem Wohnort in Lage bei Bielefeld nicht mehr aus. Wie schon so oft seit dem 24. Juli 2010. Immer wieder sind sie seitdem in die Stadt gereist, in den Tunnel, an die Treppe neben der Rampe gegangen, dorthin, wo er sich seiner Svenja ganz nahe fühlt.

Eigentlich wollte die 22-jährige Jurastudentin gar nicht zur Loveparade. Sie fühlte sich an diesem Morgen unwohl und wollte sich zudem auf eine Klausur zwei Tage später vorbereiten. Nur ihrem Ex-Freund zuliebe stieg sie in den Zug nach Duisburg. Der Junge überlebt die Massenpanik.

Auf ihn, der mit dem Vater seitdem nicht sprechen will (oder kann), konzentriert sich heute die Wut von Manfred Reißaus. Nicht mehr wie anfangs auf den Veranstalter Rainer Schaller, mit dem der Vater ebenso geredet hat wie mit Oberbürgermeister Sauerland, mit dem es schon einige Treffen gab. "Ich wollte wissen, wer das ist, der die Veranstaltung hat stattfinden lassen. Ich wollte wissen, ob er mir in die Augen sehen kann", sagt Manfred Reißaus. Inzwischen reden die beiden oft lange Zeit, und nicht nur über die Katastrophe.

Reißaus Lebensgefährtin Anja Kassen hält ihm immer wieder die Hand. In ihrer Tasche stecken Kleidungsstücke von Svenja, ein gerahmtes Foto und der eingeschweißte Brief. Manfred Reißaus hat sich einen blass-lila Schal umgehängt. "Der hat Svenja gehört", sagt er. Immer, wenn die Trauer ihn zu erdrücken droht, greife er zu Gegenständen aus Svenjas Leben. Sie helfen ihm, sich zu erinnern, zum Beispiel daran, wie Svenja gerochen hat. Die Handtasche, die sie am Tag des Unglücks bei sich hatte, ihr Handy, ihr Ausweis, ihre Kleidung vom Unglückstag – alles das ist verschwunden. "Und gerade diese Erinnerungsstücke wären mir so wichtig gewesen."

Eine wichtige Stütze

Der selbstständige Malermeister hat seit dem Unglück nicht mehr gearbeitet. Es fehlt ihm die Kraft. Sie fehlte ihm auch, als Svenjas Studentenwohnung leer geräumt werden musste. Anja Kassen übernahm diese schwere Aufgabe, für die die 22-Jährige wie eine eigene Tochter war. Sie ist es auch, die versucht, Svenjas 19-jährigem Bruder Oliver zu helfen, wenn ihm der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht.

Ihre drei Kinder, die sie aus erster Ehe mit in die Patchwork-Familie gebracht hat, brauchen gleichfalls immer wieder Trost, "weil Svenja einfach wunderbar war und uns allen furchtbar fehlt." Und "seine Anja" sei ihm auch eine wichtige Stütze, um die Konflikte mit seiner Ex-Ehefrau zu bewältigen. Svenja und ihr Bruder seien schon lange vor dem Unglück auf Distanz zu ihr gegangen, und sie habe nach der Katastrophe jede Menge Dinge öffentlich gesagt und getan, die ihn stark empörten, sagt Manfred Reißaus.

Und man tut nichts

Oft hat er in den zurückliegenden zwölf Monaten über Schuld und Verantwortung nachgedacht. Oft hat er sich die Frage gestellt, wer es war, der die Katastrophe verursacht hat. "Ich habe meinen Kindern früher immer versprochen, dass ich jeden umbringe, der ihnen etwas antut", erzählt er. "Und dann passiert so etwas Furchtbares. Und man tut nichts, weil das auch nichts ändern würde."

Er kennt jede Zeile des Vorermittlungsberichts der Staatsanwaltschaft und hofft, "dass wenigstens einer auf die Anklagebank muss, auch wenn er nicht verurteilt werden sollte." Ihn ärgert, dass der Tod von 21 Menschen instrumentalisiert wird. "Da heißt es immer: Das wollen die Angehörigen, das wollen die Angehörigen nicht, das wird auf Bitten der Angehörigen gemacht... doch das stimmt überhaupt nicht", sagt er.

Ihn ärgert, dass mit der Katastrophe vom ersten Tag an Politik gemacht wurde und noch mehr, dass Schreihälse immer wieder lautstark Opfer forderten. "Da machen sich Leute zu Wortführern, die ihre Kinder nicht bei der Loveparade verloren haben und darum nicht einmal im Ansatz nachempfinden können, was das bedeutet." Sie würden nicht das ungute Gefühl kennen, das sich einschleicht, "wenn man lacht". Sie wüssten nicht, "wie schäbig man sich fühlt, wenn man mal ein paar Stunden nicht an die tote Tochter gedacht hat." Und sie könnten auch nicht nachempfinden, "wie sehr das Kind im Alltag fehlt". Die Fotos vom letzten gemeinsamen Weihnachtsfest hütet er wie seinen größten Schatz, genau so wie die Videos aus den Familienurlauben – mit Svenja.

Am Samstag werden Manfred Reißaus und Anja Kassen im Stadion sein. Sie werden auch in den Tunnel gehen, zusammen mit den anderen Angehörigen, die zu der Gedenkfeier anreisen und zu denen Reißaus/Kassen seitdem teilweise regelmäßigen Kontakt haben. "Nur zu diesen Szeneveranstaltungen, gehen wir nicht. Diese Partytime machen wir nicht mit."

Quelle: RP


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