Duisburg: Aufgedrückt
VON DIRK GRUPE - zuletzt aktualisiert: 05.05.2007Duisburg (RPO). Ab Montag müssen alle Antragsteller eines Reisepasses Fingerabdrücke abgeben – verpflichtend. Der Feldversuch bereitet die Einführung neuer elektronischer Pässe vor. Datenschützer warnen vor Missbrauch.
Beim Sprung ins neue Zeitalter wurde Peter Hilbrands, Sprecher bei der Stadt Duisburger, ganz warm in seiner Haut. „Liegt das jetzt am Gerät oder an mir“, fragte er in die Runde, während der rot leuchtende Scanner die unverwechselbare Struktur seines rechten Zeigefingers sekundenschnell auf den Bildschirm zauberte. Vielleicht schoss ihm die Hitze aber auch zu Kopfe, weil er quasi als „Versuchskaninchen“ einer Prozedur unterzogen wurde, die man sonst nur von Verbrechern aus Science-Fiction-Filmen kennt. Willkommen in der Welt der Biometrie, willkommen im Bezirksamt-Mitte.
Ab Montag nimmt Duisburg als eine von fünf Städten in NRW an einem Feldversuch des Bundesinnenministeriums teil. Dabei werden zwei Monate auf allen neu beantragten Reisepässe neben dem Passfoto die Fingerbadrücke abgespeichert. In dem Testlauf wollen die Behörden Erfassung, Qualität und Übertragung der Fingerabdruckdateien prüfen, bevor zum 1. November 2007 das Verfahren bundesweit eingeführt wird.
Biometrie
Die Biometrie (gr. Bio = Leben und Metron = Maß) beschäftigt sich mit Messungen an Lebewesen und den dazu erforderlichen Auswerteverfahren. Früh setzte man die Biometrie zur Personenidentifikation ein und verwendet als Charakteristika u. a. : Körpergröße, Iris, Stimme, Fingerabdruck, Nagelbettmuster, Unterschrift, DNA (genetischer Fingerabdruck).
Der Vorgang dabei ist ganz einfach: Jeder Antragsteller eines Reisepasses legt im Bezirksamt erst den linken, dann den rechten Zeigefinger auf den Scanner. Zusammen mit Foto und Unterschrift werden die aufgenommen Daten zur Bundesdruckerei geschickt. Die stellt – zunächst testhalber – Reisepässe mit Fingerabdrücken her, die unter anderem das Bundeskriminalamt begutachtet. Wichtig: Die in der Testphase hergestellten Ausweise werden wieder zerstört, die Antragsteller erhalten wie bisher einen Reisepass ohne Fingerabdruck.
Dass es sich hier nicht um einen läppischen Qualitätscheck handelt, zeigt schon die Tatsache, dass der Bundestag nur für den Feldtest das Passgesetz (§23a) ändern musste. Das Gesetz hat seinen guten Grund: Dadurch sind alle Antragsteller zur Teilnahme an dem Feldversuch verpflichtet; sie müssen also ihre Fingerabdrücke abgeben.
Was ist von der ganzen Sache zu halten? Der Innenminister begründet das Vorgehen mit Terrorismusabwehr. Die Bürger verfolgen die Diskussion bisher nur am Rande, ihre Reaktionen sind gespalten. Die einen sagen: „Ich habe nichts zu verbergen“, andere befürchten den gläsernen Menschen alla Georg Orwell. Auch die Politik streitet über das Thema, einig sind sich nur die Datenschützer: Sie lehnen den biometrischen Pass strikt ab.
«Die Aufnahme biometrischer Daten auf Personalausweisen oder Pässen steht in keinerlei Zusammenhang mit der Terrorismus-Bekämpfung“, sagt NRW-Datenschutzbeauftragte Bettina Sokol. Und Dr. Thilo Weichert, Leiter vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz meint: „Mit Salamitaktik wird die digitale Volkserfassung“ eingeführt. Heute seien es die biometrischen Daten aus dem Passregister, morgen die Autobahn-Mautdaten und übermorgen Daten aus den Privatcomputern. „Erst ein Finger, dann die ganz Hand“, schimpft der Experte.
Für Gegner der staatlichen Datenerfassung lohnt sich eine Teilnahme am Feldversuch trotzdem. Schließlich erhalten sie am Ende einen Reisepass ohne Fingerabdruck. Und der ist zehn Jahre gültig.
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