Duisburg: „Lustige Witwe“ über Kafka
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 24.09.2008Duisburg (RPO). Kafkas Lieblingswitz geht so: Ein Bettler hockt am Straßenrand. Eine reiche Dame kommt vorbei. „Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen“, sagt der Bettler zu der Dame. Diese blickt besorgt auf den armen Mann und sagt: „Sie müssen sich zwingen.“ – Dr. Hans-Gerd Koch, der seit 1982 an der Universität Wuppertal die Kritische Kafka-Ausgabe betreut, zeigte auf Einladung des Vereins für Literatur und Kunst ein ganz anderes als das gewohnte Bild des großen Autors: „Kafka – zum Lachen“ hieß sein Vortrag, dessen Titel allein schon die Leser staunen lässt.
Koch, der nach Klaus Wagenbach die „zweitdienstälteste Witwe“ Kafkas ist, fand schöne Beispiele, die beweisen, dass der Prager Autor, dessen 125. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde, viel mehr Humor hatte, als es die Nachwelt gemeinhin glaubt. Koch zitierte Zeitgenossen, die von Rezitationsabenden berichteten, bei denen Kafka lauthals lachte, als er Passagen aus seinen Werken vortrug. In den Mittelpunkt des Abends stellte der Literaturwissenschaftler, der auch für die Hörbücher im Patmos-Verlag zuständig ist, einen Brief Kafkas an Felice Bauer. In diesem literarisch hoch stehenden Brief an die Verlobte (geschrieben in der Nacht vom 8. zum 9. Januar 1913) schildert Kafka, der damals noch Angestellter einer Versicherung war, seinen unfreiwilligen Lachanfall bei einer Ansprache des Vorgesetzten. Dieser Bericht, dessen akribische Genauigkeit die komisch-groteske, durch und durch ambivalente Situation mit einer nicht zu überbietenden Vollständigkeit wiedergibt, ist ein Juwel im Gesamtwerk Kafkas, das bislang kaum zitiert wurde. Koch, nun schon Kafkas „Lustige Witwe“, hatte spätestens damit das Publikum in der Zentralbibliothek von Kafkas Humor überzeugt.
Typisch für Kafkas Komik sei das Spiel mit Paradoxien. Ein schönes Beispiel ist die kleine Erzählung aus Kafkas Nachlass „Poseidon“, in der der Gott der Meere nichts anderes tun kann, als immer wieder die Gewässer durchzurechnen. Gewiss konnte Kafka bei einigen Texten auf seine eigenen Berufserfahrungen in der Versicherung zurückgreifen, meinte Koch. Kafka las, ähnlich wie Flaubert, seine Texte laut vor, um sie so einer Qualitätsprobe zu unterziehen. Koch riet ebenso dazu, Kafkas Texte laut zu lesen. Dann erkenne man viel besser deren subtilen Humor, der bisweilen auch die Syntax einschließt. Wenn Karl Roßmann im „Amerika“-Romanfragment im Ozeandampfer nach seinem Koffer sucht, dann ist der Satz, der diese Suche schildert, genauso verschachtelte wie die Gänge, Abzweigungen und Treppen in dem gigantischen Schiff.
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