Duisburg: Beuys dankte Lehmbruck
VON GOTTLIEB LEINZ - zuletzt aktualisiert: 14.09.2010Duisburg (RPO). Joseph Beuys widmete seine letzte Rede wenige Tage vor seinem Tod Wilhelm Lehmbruck, den er als seinen "Lehrer" bezeichnete. Im neu gestalteten Museum wird dem Schöpfer des "erweiterten Kunstbegriffs" eine eigene Abteilung zugewiesen. Viele Werke stammen aus Privatbesitz.
Joseph Beuys' Biographie beginnt und endet im Lehmbruck Museum. Denn in seiner letzten bewegenden Rede zur Vergabe des Lehmbruck- Preises am 12. Januar 1986, 11 Tage vor seinem Tod, denkt Beuys an seinen künstlerischen Beginn kurz nach Kriegsende und dankt für viele überraschend seinem "Lehrer Wilhelm Lehmbruck". Dieser allein habe ihn zur Skulptur geführt: "Mit der Skulptur ist etwas zu machen. Alles ist Skulptur". Was Beuys mit rhetorischem Pathos und utopischer Gesellschaftstheorie tat und dachte, ist bekannt.
Gemessen an der unübersichtlichen Werkflut und den vielfach nur kurzatmigen Strategien der zeitgenössischen Kunst darf Beuys trotz seiner keineswegs eingelösten kulturpolitischen Mission geradezu kultische Verehrung genießen. Diese beruht nicht mehr allein auf Personenkult, sondern strahlt vielmehr von jedem Werk selbst aus. Eben diese Qualität und Konzentration auf das Detail sucht die Ausstellung des Lehmbruck Museums zu zeigen. Beuys macht den Alltag zu seinem Thema. Die "Capri-Batterie" aus frischer Zitrone und gelber Glühbirne mit einem Lichtstecker im Zitronenfleisch gehört zu seinen Inkunabeln für simplen Energie-Gewinn. Beuys veranschaulicht (erstmals in Capri und in Neapel) den chemischen Prozess, dass mit Zitronen, Kartoffeln und Äpfeln tatsächlich Strom bzw. Licht erzeugt werden kann. Weitere Beispiele: Eine vorne offene Holzkiste zeigt eine auf der Rückwand gezeichnete, an den Enden begrenzte Linie, die mit "Intuition" beschriftet ist.
Kisten mit Ideen
Ungefähr 12000 derartige Kistchen hat Beuys 1968 eigenhändig beschriftet und einzeln verkauft (damals für 5 DM, wie unser Privatsammler genüsslich berichtet, heute für 25 000 Euro zu haben). Dabei wollte er ein sich steigerndes "Potential an Kreativität" auslösen. Jeder Sammler füllt seine Kiste mit neuen Ideen, Träumen und Wünschen. Eine amerikanische Zuckertüte mit aufgedrucktem Hasen ist für Beuys der Ausgangspunkt für eine extrem seltene großformatige Litho-Serie bunter Hasen im Stile seines Freundes Andy Warhol: der Hase als Symbol für Kreativität, Wendigkeit und Auferstehung. Ein großes Segeltuch ist bedruckt mit "Difesa della natura" (Verteidigung der Natur) und entstand erneut in Italien, wo Beuys dieses Manifest medienbewusst zum Schutz der Natur und der Weinbauern mitten in die Weinberge stellte. Das Objekt mit dem "Phospor-Kreuzschlitten" zeigt einen winzigen Schlitten in der Eiswüste.
Wir hatten diese Arbeit 2002 zum Einladungsmotiv unserer Kunstvesper "Winterreise" gewählt und dabei die vielschichtigen Verbindungen zu Musik und Religion, Kunst und Literatur aufgezeigt. Ebenso diente uns die Beuys-Postkarte " Cosmos und Damian" von 1974 dazu, im Rahmen der Kunstvesper zu "America" (2003), jene unvorstellbare Tragödie des Terrorangriffes auf das World Trade Center in New York zu begreifen. Jahrzehnte zuvor hatte Beuys hellsichtig in die beiden Turmkolosse, dem merkantilen Zentrum der USA, die Namen der beiden Heiligen Cosmas und Damian eingeschrieben, den Stammvätern der Ärzte und aller Menschen in Todesnot.
Dr. Gottlieb Leinz, der Autor der RP-Serie, ist stellvertretender Museumsdirektor.
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