Duisburg: Buh-Rolle auf dem Kaiserberg
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 08.05.2009Duisburg (RPO). Vor einem Jahr trat Kerstin Jurczynski ihre Stelle als Zoo-Tierärztin an. Inzwischen hat sie sich dort gut eingelebt und wohnt über den Elefanten. Die Geburten der Gorillas und Giraffen waren besonders schöne Erlebnisse.
Der Arbeitstag von Kerstin Jurczynski fängt normalerweise um 7.45 Uhr im Dienstzimmer von Zoodirektor Achim Winkler an. Nach einer kurzen Besprechung folgt dann ein eineinhalbstündiger Rundgang durch sämtliche Zoo-Reviere. Kerstin Jurczynski spricht mit den Pflegern, beobachtet die Tiere und macht sich Notizen über Auffälligkeiten oder Veränderungen. Danach geht es ans "Abarbeiten". Für 2300 Tiere ist Kerstin Jurczynski als Tierärztin verantwortlich. Dass ein solcher Beruf nichts für Menschen ist, die Routine lieben, war ihr schon vorher klar. Vor genau einem Jahr hat Kerstin Jurczynski (34) ihre Stelle am Kaiserberg angetreten.
Wohnung über den Elefanten
"Sehr gut" habe sie sich eingelebt. Mittlerweile muss sie auch nicht mehr mit ihrem Motorrad täglich von Rheinberg nach Duisburg fahren, sondern habe ihre Wohnung über dem Elefantenhaus bezogen, wo sie mit ihrem Freund und zwei Dobermännern ihr Domizil hat. Als Kerstin Jurczynski, die zuvor im Heidelberger Zoo gearbeitet hatte, nach Duisburg kam, hatte sie in ihrem ersten Pressegespräch gesagt, dass sie die Arbeit mit Koalas, Ameisenbären und Delfinen noch kennenlernen müsse. Das ist inzwischen geschehen. Und wie!
Während ihrer Zeit wurde das Ameisenbär-Weibchen trächtig und hat inzwischen ein Junges geboren, das sie auf dem Rücken durchs Gehege trägt. Kerstin Jurczynski erinnert sich gerne an die ersten Ultraschall-Aufnahmen, die bewiesen, dass Ameisenbär-Nachwuchs zu erwarten ist. Während der Aufnahme schlürfte die Ameisenbärin übrigens Yoghurt. Die Geburten der Gorillas und Giraffen waren besonders schöne Erlebnisse.
Dramatisch ging es im vergangenen Sommer im Koala-Haus zu. Koala-Weibchen Goonderrah fraß nicht mehr, verlor von Tag zu Tag an Gewicht. Kerstin Jurczynski: "Wir haben alle Untersuchungen gemacht, die man machen kann, haben unsere Kollegen in San Diego und Australien eingeschaltet, ihnen Ultraschall-Aufnahmen und Blutanalysen gemailt. Wir haben getestet, was man testen kann – aber nichts gefunden." Fünf Wochen lang fraß Goonderrah nichts. Als letzter Ausweg sollte das Koala-Weibchen auf den OP kommen. Doch am Tag vor der geplanten Operation hatte Koala-Pfleger und -Experte Mario Chindemi den Eindruck, dass Goonderrah sich für Eukalyptus zumindest interessiert. Der OP-Termin wurde verschoben. Und tatsächlich: Am nächsten Tag fraß das Koala-Weibchen wieder – und das bis heute!
20 Helfer beim Zahnziehen
Und die Delfine kennt Kerstin Jurczynski mittlerweile auch gut. Bei unserem Besuch bereitete sie gerade eine Zahn-Extraktion vor. Der unter Zahnschmerzen leidende Delfin muss aus dem Wasser gelockt oder gehoben werden, und er muss vor allem – nach einer örtlichen Betäubung – festgehalten werden, wenn der Zahn gezogen wird. Das heißt: Kerstin Jurczynski muss 20 (!) Helfer rekrutieren, die dem Tierzahnarzt und ihr selber assistieren und im Notfall zupacken.
So schön und abwechslungsreich der Beruf einer Zoo-Tierärztin auch ist: In den Augen, Ohren und Nasen ihrer Schützlinge, die nicht wissen, dass Spritzen, Einfangen, Festhalten, Eingipsen, Verbinden, Fixieren und Isolieren zu ihrem Besten ist, hat Kerstin Jurczynski die Buh-Rolle schlechthin.
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