Duisburg: Das unbändige Leben der Formen
VON GOTTLIEB LEINZ - zuletzt aktualisiert: 07.09.2010 - 10:35Duisburg (RPO). Im ehemaligen Wechselausstellungsraum des Lehmbruck-Museums, der nun anthrazitfarben gestrichen ist, findet man nun Meisterwerke aus der Skulpturensammlung des Hauses, ergänzt durch Spitzenwerke der Malerei. Das Betrachten der Arbeiten soll für die Besucher ein Erlebnis werden.
Als die multimedialen Techniken, Environment, Happening und Fluxus seit den 60 er Jahren die Kunst zu beherrschen drohten, als man Kunst und Leben gesellschaftsbezogen erneut zu versöhnen hoffte, sprach man euphorisiert von der "Expansion der Kunst". Mit der "Kunst der Straße" und der Rebellion der 68er glaubte man auf subtile ästhetische Traditionen und auf das Museum verzichten zu können. Man verdammte die gesamte abstrakte Kunstproduktion, sei diese konstruktiv oder informell.
Auftrumpfende Bewegungen
Niki de Saint Phalle schoss demonstrativ auf platzende Farbbeutel, während Tinguelys Schrott-Maschinen Himmel und Hölle in Bewegung setzten. Der Siegeszug der Pop Art schließlich verstärkte jene amerikanischen Verhältnisse, die in der Erhöhung des trivialen Alltags zu immer neuem (Kunst-)Konsum aufforderten. Diese auftrumpfenden Bewegungen beherrschen bis heute weitgehend das Bild der modernen Kunst, während die feinfühligere und komplexere Tradition der "Individuellen Mythologien" verdrängt wurde. Diese Sichtweise ist durchaus korrekturbedürftig. Und die Sammlung des Wilhelm-Lehmbruck-Museums kann da sehr hilfreich sein.
Ein "Wald" von Skulpturen erwartet den Besucher, doch schnell löst sich die Dichte auf zugunsten individueller Brillanz. Nicht das Wissen um Datierung und Entstehung soll hier stimuliert werden, sondern das unmittelbare Sehen und Erleben des einmaligen Originals. Die Neugier kann plötzlich und unvermittelt im vergleichenden Sehen, aber auch erst in der Nachbetrachtung durch die Frage nach der Bedeutung (dem Geistigen) bereichert werden. Die wandgebundenen Bilder eines Molzahn, Winter oder Nay glühen wie aus nächtlich erleuchteten Fenstern, denen die kristalline und luftige Struktur der zugeordneten Skulpturen (Calder, Herzog, Gabo, Belling) antwortet. Im Städtebild von Frank Stella (Dawidgrodek II) werden nun deutlicher als je zuvor die heraldischen und urbanen Perspektiven wahrgenommen, die dem benachbarten ungarischen Konstruktivisten Peri entlehnt sind und noch in Larderas Stahlplatten der "Skulptur in drei Dimensionen" nachschwingen. Arps Holzrelief "Konstellation weißer Formen" findet eine überraschende Parallele in Baumeisters Gemälde "Der Fächer auf Blau". Das pflanzliche und musikalische Moment des einzigartigen "Blackburn, Song of an Irish Blacksmith" von David Smith setzt sich fort in Bellings "Dreiklang", aber auch im Blätterrauschen des römischen "Pinienhains" von Cimiotti und in den schneeweißen Stelen von Nishikawa. Erstmals ausgestellt ist das kürzlich dem Museum geschenkte informelle Meisterwerk des greisen Altmeisters K.O. Götz , die 9-teilige unglasierte Keramik "Ragar III".
Die Hände des erblindeten Künstlers haben in diesem Relief ihre Lebenslinien hinterlassen, die der Wirbelsturm "Ragar" gleichsam aus der Tiefe der Nacht (die schwarze Wand) ans Tageslicht geschwemmt hat. Dieses unbändige Leben der Formen erlaubt nur die Skulptur bzw. das Relief, deren Zeugnisse hier in einer neuen Auswahl präsentiert sind.
Der Autor, Dr. Gottlieb Leinz, ist stellvertretender Direktor des Wilhelm-Lehmbruck-Museums.
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