Duisburg: Der Blick durch die graue Brille
zuletzt aktualisiert: 31.07.2008Duisburg (RPO). Interview Dr. Michael Schillings über die Suche nach dem verlorenen (Urlaubs-)Glück
Auf der Suche nach dem verlorenen Glück des Alltags „flüchten” viele Menschen in den Urlaub. Dass sich das Glück so nicht automatisch finden lässt, erkennen die meisten erst zu spät. Haben sie dennoch im Urlaub Glück gefunden, lässt sich das nicht so ohne weiteres nach der Reise in den Alltag hinein verlängern. Darüber unterhielten wir uns mit Dr. Michael Schillings vom Medical Center in Ruhrort. Dort arbeitet der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in einer Praxisgemeinschaft mit Dr. Lothar Hubrecht, Dr. Andrej Krücken und Arnd Ropertz.
Ist die Heilserwartung an einen Urlaub ähnlich wie an Weihnachten nicht manchmal einfach viel zu groß?
Schillings: Der Gedanke, im Urlaub wird alles besser, weckt unter Umständen viel zu hohe Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen. Das ist tatsächlich ähnlich wie an Weihnachten. Und gerade Kommunikationsdefizite zwischen Partnern oder in der Familie lassen sich durch den Urlaub allein nicht beheben, vor allem bei Menschen mit Depressionen ist das schwierig. Der Blick durch die Brille bleibt grau, selbst wenn der Himmel blau-weiß ist. Deshalb ist es besser, hier professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, so dass vor Urlaubsantritt zumindest ein erstes therapeutisches Initial gegeben wird, mit dem der „Patient“ dann weiterarbeiten kann. Mit psychischen Erschöpfungszuständen oder dem Burn-Out-Symptome verhält es sich ähnlich: Auch sie lassen sich allein durch einen Urlaub nicht einfach ausradieren.
Wie sollte man sich denn dann im Urlaub verhalten?
Schillings: Gerade depressive Menschen brauchen eine gute Tagesstruktur. Die ist gefährdet, wenn gerade im Urlaub ganz viel Zeit ist. Zeit, zu sich zu kommen und Zeit, über sich selbst und über sein Leben nachzudenken. Mit dieser Situation sind gerade depressive Menschen überfordert. Feste Punkte in einem Tagesplan, die unter Umständen von einem Therapeuten vorgeben oder gemeinsam erarbeitet werden, sind da eher hilfreich.
Wie erkennt man eine Depression?
Schillings: Jeder ist mal schlecht drauf. Aber nicht jeder, der schlecht drauf ist, hat eine Depression. Warnsignale sind zum Beispiel Antriebslosigkeit, der ständige Versuch, sich immer mehr abzukapseln und von sozialen Kontakten zurückzuziehen oder aber auch Schlafstörungen, die länger als eine Woche andauern.
Was sind denn die wichtigsten Voraussetzungen, um ein glückliches Leben zu führen?
Schillings: Die Balance zu finden, um beruflichen Stress, Anerkennung und private Geborgenheit in Einklang bringen zu können. Im Übrigen ist Glück eine individuelle, nicht messbare Befindlichkeit. Letztlich empfindet jeder etwas anderes als sein persönliches Glück.
Kann man denn die im günstigsten Fall glückspendende Wirkung eines Urlaubs in den Alltag hinein verlängern?
Schillings: Ganz wichtig ist es, nicht schon nach wenigen Tagen wieder in den alten Rhythmus und in alte Überbelastungsschemata zu verfallen. Stattdessen sollte man sich bewusst Freiräume schaffen, um die intensive Kommunikation mit dem Partner und der Familie auch nach dem Urlaub aufrechtzuerhalten, auszubauen und zu pflegen.
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