Ruhrgebiet: Der erste Fahrradstau meines Lebens
VON LESLIE BROOK - zuletzt aktualisiert: 19.07.2010 - 07:28Drei Millionen Menschen zur selben Zeit auf einer Autobahn im Ruhrgebiet – davon eine Million Radfahrer. Das prägte am Sonntag das Bild auf der A4. Am Montagmorgen um 5.30 Uhr war das Still-Leben wieder vorbei, die Tische abgebaut, die Autos rollten wieder.
Unsere Reporterin Leslie Brook hat den autofreien Sonntag auf der A40 mitgemacht. Sie war unter den Radfahrern und erreichte ihr Ziel trotz Fahrradstau: den Tisch von Frank Goosen, der stundenlang Fußball-Bildchen tauschte.
10:42 Uhr, Frohnhausen: Über der Autobahn breitet sich Stille aus. Keine Motorengeräusche, kein Hupen am ersten Ferienwochende in NRW. Auf der Tischspur fahren die ersten Familien mit Bollerwagen vor, transportieren Kinder und Getränke zu bunten Sonnenschirmen. Sie halten den Streckenplan schützend gegen das Sonnenlicht. Schon jetzt definieren sich die Menschen nur noch nach Blöcken, Tischen, Kilometern und Geschwindigkeit. „Hans-Jürgen fahr langsamer“, sagt eine Radlerin zu ihren Mann. „Ach lass doch, im Stau stehen können wir die ganze Woche.“
10.50 Uhr, Holsterhausen: Die erste Etappe ist geschafft. Ich beginne in Abschnitten zu denken. Gleich kommt Essen Zentrum. Und dann? Essen-Huttrop? Wohin schauen? Nach links zur Tischspur? Mich überholt ein Fahrrad mit Kennzeichen PB 1 K H. Werner Kastel kommt aus Paderborn. Er ist zum ersten Mal auf der A 40. „Sonst biege ich immer vorher ab“, sagt er und schaut auf seinen Lenker. Dort klebt ein Routenausdruck. „Ich will die ganze Strecke fahren, wenn es geht.“ Werner ist 66, sein Fahrrad 30 Jahre alt. Es sei ein Oldtimer, deshalb das H auf dem Kennzeichen.
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11.05 Uhr, Essen-Zentrum: Blaue Schafe blöken auf dem Grünstreifen. Umweltzone steht auf einem Schild wenige Meter weiter. Die Autobahn gibt sich selbstironisch. Ich biege ab, wechsle zu Fuß auf die Tischspur und bekomme eine 3-D-Brille mit 70 perlengroßen Gucklöchern. „Wir machen uns ein Bild von der Kunst“, sagen die Künstler aus München. Ich setze sie auf, sehe immer noch blaue Schafe, aber gepunktet.
12.08 Uhr, Essen-Frillendorf: Fahrradstau. Langsamer fahren geht nicht. Absteigen, schieben. Das Wort Schritttempo bekommt eine neue Bedeutung und ich bekomme leichte Wut auf Inlineskater. Sie sind die Motorradfahrer des Fahrradstaus. Sie schlängeln sich einfach durch, während wir abbremsen müssen.
12.20 Uhr, immer noch Frillendorf: Harald Scholz vom AdFC spricht in sein Funkgerät. „Moment“, sagt er. „Ich empfange gerade die Staumeldungen.“ Stau auf der A 40 zwischen Essen-Frillendorf und Essen-Kray. Drei Millionen Menschen sind unterwegs, eine Million Fahrradfahrer. „Es ist auch der erste Fahrradstau meines Lebens“, meint Harald. Menschen klettern über die Leitplanke, benutzen den Grünstreifen.
12.30 Uhr, Still-Leben in Frillendorf: Ich klettere über den Grünsreifen in Richtung Leitplanke. Das Rad muss auch rüber. Philipp Köver aus Leichlingen ist mindestens 1,90 Meter groß. Er hebt für mir das Rad hinüber. Endlich wieder fahren.
13 Uhr: Die Strecke wird dreispurig. Ein Krankenwagen bahnt sich seinen Weg. In seinem Schutz fährt eine Traube Radfahrer. Es ist ein Gefühl wie bei der Tour de France. An den Seiten stehen Menschen, jubeln und winken uns zu.
13.50 Uhr, Bochum-Drückersweg: Der Stau bekommt einen Rhythmus. Vor jedem Getränkewagen muss ich absteigen, weil niemand durchkommt. Ich beginne mit den Händen auf dem Lenker zu trommeln, wie sonst im Autostau.
14.45 Uhr, Wattenscheid-West: Noch sieben Abfahrten bis Bochum Stadion. Die Menschen stehen still mit ihren Rädern, telefonieren mit Freunden, auch sie stecken im Stau. „In Dortmund? Und da ist es auch nicht anders?“ Die Ausfahrten werden vorübergehend gesperrt. Es ist einfach zu voll.
16.05 Uhr, Bochum-Stadion – unser Ziel und Wendepunkt: Hier werden seit fast sechs Stunden Fußball-Bildchen getauscht. Frank Goosen trägt sein A-40-T-Shirt. „Das ganze Ruhrgebiet ist auf den Beinen“, sagt der Bestseller-Autor, während mir die Beine zittern. Der Verfasser eines Gedichts über die A 40 sagt: „Man kann auf 50 Quadratzentimetern stehen und erlebt das ganze Ruhrgebiet. Bleiben Sie hier. Überall ist alles.“
NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft war begeistert vom „Still-Leben“. Sie sprach bei der Eröffnung von einer „großen Chance für die Region“, bevor sie sich selbst auf das Fahrrad setzte. Man sollte überlegen, so Kraft, „ob wir das nicht regelmäßig machen wollen.“
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