Duisburg: Der Fotograf der Promis hört auf
VON HILDEGARD CHUDOBBA - zuletzt aktualisiert: 27.12.2008Duisburg (RPO). Holger Erdmann wird am kommenden Mittwoch zum letzten mal die Türe seines Foto-Ateliers an der Münzstraße abschließen. Er geht in Pension. Ein Traditionsbetrieb geht zu Ende.
Es ist keine Übertreibung: Wer in Duisburg etwas auf sich hielt, der ließ sich von Holger Erdmann ablichten. Alle Duisburger Nachkriegs-Oberbürgermeister (mit Ausnahme des amtierenden) saßen in dem Atelier an der Münzstraße. Ekkehard Schulz ließ sich vor seiner Wahl zum Thyssen-Konzernchef fotografieren und Gabriela Grillo, als sie 1976 mit dem olympischen Gold in der Tasche aus Montreal zurückkam. Helmut Kohl, der Duisburger Star-Architekt der Nachkriegszeit war Stammkunde bei Holger Erdmann, um sich selbst, viel häufiger aber seine Modelle auf Zelluloid bannen zu lassen. Doch die, die einen großen Namen tragen, machten nur einen Bruchteil der Erdmannschen Kundschaft aus. Die meisten waren ganz „normale“ Menschen, die Passfotos für die Bewerbungsmappe benötigten, die Eheschließung für die Ewigkeit festhalten lassen wollten, die stolz ihren Nachwuchs in die Kamera hielten oder den Großeltern zu Weihnachten einmal die gesammelte Enkelschar in attraktivem Bildformat schenken wollten.
Bei seiner Berufswahl stand Holger Erdmann keineswges unter der Pflicht, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Sondern es war dieLeidenschaft für die Fotografie. „Wenn ich als Kind mit meinem Vater spazieren ging, dann ließ er mich durch seine geöffnete Faust blicken, um mir ein Gefühl für Motive zu vermitteln“, erzählt der 65-Jährige. Bei seinem Vater ging er später in die Lehre, mit seinem Vater führte er lange Zeit das Geschäft an der Münzstraße. Mit jedem Berufsjahr lernte er mehr über die Kunst eines guten Portraits. „Man muss die Leute über sich erzählen lassen“, sagt er. Dadurch lege sich zum einen die Nervosität („Viele Kunden haben mir gesagt, dass ein Termin beim Fotografen für sie genau so schlimm ist wie der beim Zahnarzt“). Zum anderen komme beim entspannten Plaudern die Persönlichkeit des Kunden zu Tage, die später das Bild zu unverwechselbar gut werden lasse. So wie bei dem Krings-Foto in seinem Wartezimmer: Es zeigt einen Oberbürgermeister mit Pfeife in der Hand. Es offenbart aber zugleich, dass hier ein kluger Mann in die Kamera schaut, der ein Menschenfreund ist und kulturbeflissen, der Durchsetzungskraft besitzt und Humor. Eine echte Persönlichkeit eben.
In Erinnerung geblieben sind Holger Erdmann aber nicht nur die Begegnungen mit den Prominenten, sondern die Lebensgeschichten vieler seiner normalen Kunden: Da war der Mann, der nur noch zwei Monate zu leben hatte und seiner Ehefrau noch ein schönes Fotos schenken wollte. Da waren die Brautleute, die sich vor der Kamera in die Haare gerieten und später die Abzüge gar nicht mehr abholten, weil die Braut zwischenzeitlich mit dem Trauzeugen das Weite gesucht hatte. Oder die Eltern mit ihren Kindern, die Jahr für Jahr im Atelier Platz nahmen und ihn so Teil haben ließen an der Familiengeschichte. In Erinnerung geblieben sind ihm die Besuche in der Leichenhalle des Waldfriedhofes, wo er im Auftrag der Hinterbliebenen Verstorbene ablichtete und die komische Szene mit einer Braut, die über ihren Reifrock stolperte und ihm quasi vor die Füße fiel.
Fünf Jahrzehnte Erdmann an der Münzstraße gehen am Mittwoch zu Ende. Holger Erdamnn muss schlucken, als er erzählt, dass er vor wenigen Tagen das Gewebre abgemeldet hat und dass er schon dreimal mit voll beladenem Kofferraum zur Müllentsorgung gefahren ist, wo er die über die Jahrzehnte gesammelten Fotos aus dem Archiv entsorgt hat. Doch er freut sich, weil er bald mehr Zeit haben wird für seine beiden erwachsenen Töchter und für seine Ehefrau, für lange Wanderungen und fürs Fotografieren, einfach so, nur zum Spaß.
Im Schaufenster des Foto-Atelier hingen in den vielen Jahren immer wieder Fotos, die Holger Erdmann extra für Werbezwecke anfertigte. Der größte Teil dieser hochwertigen Aufnahmen ist noch vorhanden und kann bis zum 31. Dezember in dem Fotoatelier abgeholt werden, und zwar gegen eine Spende für das Kinder- und Jugendhospiz am Malteser Krankenhaus in Huckingen.
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