Duisburg: Deutsch-jüdische Autoren des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt
VON PETER KLUCKEN - zuletzt aktualisiert: 29.01.2010Duisburg (RPO). Das in Duisburg beheimatete Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte will, neben vielen anderen Aufgaben, einen wichtigen Gesichtspunkt in die Öffentlichkeit tragen: Es gab nicht nur den Holocaust; man darf deutsche Menschen jüdischen Glaubens nicht nur in der Opferrolle sehen. Vielmehr müssen auch ihre großen kulturgeschichtlichen Leistungen dem Vergessen entrissen werden. – Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) beschäftigt sich dagegen seit Jahren mit rassistischen und antisemitischen Verstrickungen, die sich in der gesprochenen und geschriebenen Sprache mehr oder weniger verbergen.
Vor einiger Zeit haben beide Institute zusammengefunden. Und gestern präsentierten deren Leiter, Prof. Dr. Michael Brocke (Steinheim-Institut) und Prof. Dr. Siegfried Jäger (DISS), sowie der Germanist und Anglist Dr. Jobst Paul das Ergebnis der neuen Zusammenarbeit: Eine groß-angelegte Publikationsreihe, in der zu Unrecht vergessene deutsch-jüdische Autoren wieder lesbar und zugänglich gemacht werden.
Gerechte Gesellschaft
Unter dem Titel "Visionen der gerechten Gesellschaft" (Böhlau-Verlag, 200 Seiten, 24,90 Euro) ist nun der erste Band dieser Reihe erschienen, dem 13 Bände folgen sollen. Mitarbeiter der beiden Duisburger Institute haben Hunderte Publikationen, vom Aufsatz bis zum 300-Seiten-Buch, in deutschen, israelischen und US-amerikanischen Bibliotheken ausgewertet. Ziel der Wissenschaftler ist, die "herausfordernden Einsichten für die Geschichts- und Kulturwissenschaften", die im 19. Jahrhundert von deutsch-jüdischen Autoren, darunter viele gelehrte Rabbiner, formuliert wurden, wieder allgemein zugänglich zu machen. Gefördert wurde das ungemein arbeitsintensive Projekt im Rahmen des NRW-Exzellenzwettbewerbs vom Land und von Sponsoren wie Evonik.
Vieles, was da zwischen 1820 und 1880 geschrieben wurde, passe zu den ethischen, wirtschaftlichen, sozialen und auch religiösen Debatten von heute, hieß es bei der Pressepräsentation. Was die deutsch-jüdischen Autoren damals mit Blick auf ihre christlichen Zeitgenossen gedacht haben, könne heute auch bei der Auseinandersetzung beziehungsweise beim Dialog von Christentum und Islam berücksichtigt werden.
Nach dem gerade erschienenen Band 1, der eine Art Einleitung zur gesamten Reihe ist, werden die anderen Bände in kürzeren Abständen folgen. Als nächster Band erscheint: Elias Grünebaum, "Die Sittenlehre des Judenthums anderen Bekenntnissen gegenüber".
Neben Elias Grünebaum (1807–1889) werden ausgewählte Publikationen von David Friedländer ( 1750 –1834), Ludwig Philippson (1811 – 1889), Salomon Formstecher (1808 – 1889), Samuel Hirsch (1815 – 1889) und anderen im Laufe der kommenden beiden Jahre im Böhlau-Verlag erscheinen.
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