Wie Duisburg in die Normalität zurückfinden will: "Die Menschen vergessen so schnell"
VON ANJA STREICHAN - zuletzt aktualisiert: 04.09.2010 - 22:27Wie Duisburg in die Normalität zurückfinden will (RPO). Duisburg, sechs Wochen nach der Loveparade. Am Sonntag soll der Unglückstunnel wieder für den Verkehr freigegeben werden. Doch der Trauer bleibt genügend Raum. All die Briefe, Bilder und Erinnerungen wurden in einen gläsernen Kubus gebracht. Auch Vertreter der Stadt sind gekommen. Bei manchen der Trauernden lässt das erneut die Wut hochkochen.
Ein Mann steht mitten in einem Meer von erloschenen Kerzen, vorsichtig bückt er sich und zieht ein Poster hervor. „The Art of Love“ steht darauf geschrieben, um den Schriftzug wurden viele kleine Fragezeichen gemalt. Ohne das Plakat zu knicken legt der Mann es zusammen mit einem Porzellanengel in eine weiße Plastikkiste.
Etwa 350 Menschen haben am Samstagnachmittag, sechs Wochen nach dem tragischen Unglück bei der Loveparade, die von Trauernden im Karl-Lehr-Tunnel zurückgelassenen Devotionalien eingesammelt. Auch Innenminister Ralf Jäger und Stadtdirektor Dr. Peter Greulich statteten dem symbolischen Akt zum Sechswochenamt der Loveparade-Katastrophe einen Besuch ab.
Die Kerzen, Abschiedsbriefe und Plüschtiere werden nun in einem schwarzen Container mit Glasfront in direkter Nähe zum Tunnel aufbewahrt. „Duisburg gedenkt den Opfern der Loveparade“ steht an der weißen Rückwand des Kubus geschrieben.
Der Duisburger Bürgerkreis Gedenken organisierte den festlichen Akt. Bereits in den frühen Morgenstunden wurde direkt an der Rampe eine Gedenktafel aus Bronze angebracht.
Innenminister Ralf Jäger zeigte sich beeindruckt vom Engagement und Fingerspitzengefühl der Bürger: „Diese Aktion löst das Vakuum auf, das die Sprachlosigkeit der Stadtspitze hinterlassen hat. Trotzdem wird das Unglück aber noch lange wie Mehltau über der Stadt liegen.“
Stadtdirektor Greulich sah die Feierlichkeiten am Samstag als „Weg, unter größtmöglicher Beteiligung in die Normalität zurückzufinden“. „Trotzdem wird dieser Ort die Betroffenheit nicht so schnell verlieren“, so Greulich.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas bezeichnete die Aktion als Möglichkeit für die Bürger, nach den schrecklichen Ereignissen wieder selbst Hand anzulegen: „Es konzentriert sich viel Wut gegen die Stadtspitze und viele Duisburger fühlen sich hilflos. Deswegen ist es gut, dass sie heute etwas bewegen können.“
Während viele fleißige Helfer mit anpackten, darunter auch die Duisburger Unternehmerin Gabriela Grillo und Kulturdezernent Karl Janssen (beide zudem Sprecher des Bürgerkreis Gedenken), schlug Frank Köllges langsam seine Trommel. Besinnlichkeit und Nachdenklichkeit erzeugen wolle er dadurch, so der Düsseldorfer Künstler.
Im Sonnenschein schien die Atmosphäre im Tunnel jedoch durch den donnernden Hall der Trommelschläge noch ruhiger, noch intensiver zu werden. „Ich habe Gänsehaut“, sagte die Duisburgerin Natalie Fritz, die selbst dem Unglück nur knapp entkam. „Ich bin heute hierher gekommen, weil ich das Gefühl habe, den Toten etwas schuldig zu sein“, sagt sie mit ernster Miene. "Dass der Greulich allerdings hierher kommt, finde ich unmöglich.“ Umstehende nicken und schütteln ihr die Hand, die Wut auf die möglichen Verantwortlichen ist noch lange nicht vergessen.
Doch am Samstag überwogen im Karl-Lehr-Tunnel die Andächtigkeit und der Wunsch, den Toten angemessen zu gedenken. „Die Menschen vergessen so schnell. Ich finde, der Glaskubus ist der erste Schritt in die richtige Richtung“, sagt die 24-Jährige etwas ruhiger. Am Sonntag soll der Tunnel wieder für den Straßenverkehr freigegeben werden.
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