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Loveparade Tunnel leer mit Plakat PANORAMA 100728
  Foto: AFP, AFP
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Loveparade-Unglück: Duisburg, vier Wochen danach

VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 21.08.2010 - 09:24

Loveparade-Unglück (RPO). Nach dem Loveparade-Unglück mit 21 Toten findet Duisburg nicht aus der Katastrophe und in die Normalität zurück. Im Rathaus löst die Vorstellung Panik aus, den Bundespräsidenten bei einer Kulturhauptstadt-Veranstaltung am 12. September durch einen Tunnel gehen zu lassen.

Die Plakate hingen schon vor der Loveparade in der Baustelle der künftigen Königsgalerie: "Die Stadt blüht weiter auf". Nach 21 Toten und mehr als 500 Verletzten liest sich das wie ein böser, gemeiner Witz auf Kosten einer Stadt, die nicht weiß, wie es weitergehen soll, und in der sich die Menschen wie gelähmt immer wieder die gleichen Fragen stellen. Vor dem Tchibo-Laden gleich hinter der Baustelle haben Günter Bruckmann und Ingrid Langwald die Räder abgestellt und machen eine Kaffeepause. Es ist warm, ein lauer Wind geht über die Königstraße. Es ist fast so schönes Wetter wie am 24. Juli.

Gerade haben sie wieder darüber gesprochen. Und dass sie sich wünschen, man könnte die Zeit zurückdrehen zu diesem 24. Juli und alles ungeschehen machen. Schon als Dreijähriger ist Bruckmann durch die Unterführungen an der Karl-Lehr-Straße gelaufen, die jetzt ganz Deutschland als "Loveparade-Tunnel" kennt. Ingrid Langwald, die dem Gedränge aus der Ferne zusah, ahnte, dass da irgendwas passieren würde. Alle im Bekanntenkreis reden darüber. Wer Schuld hat, wie schlimm die Raver sich in der Innenstadt aufgeführt haben, wie nun die Katastrophe instrumentalisiert werde, um ganz andere Süppchen darauf zu kochen, und ob der Oberbürgermeister weg muss. "Das ist ja nicht der Sauerland alleine gewesen", sagt Bruckmann, "da waren ja auch andere beteiligt, das fängt bei Rüttgers an."

Wie blank die Nerven liegen und wie sehr die Katastrophe alle Dimensionen verschoben hat, zeigt folgende Geschichte, die zurzeit auf den Rathausfluren kursiert. Am 12. September erwartet Duisburg zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen erneut den Bundespräsidenten. Christian Wulff wird (falls er nicht noch absagt) an der Kulturhauptstadt-Veranstaltung "Sinfonie der Tausend" mit 1600 Sängern und 180 Musikern im Landschaftspark Nord teilnehmen. Zwischen dem Konzertgebäude und dem Ort eines anschließenden Empfangs liegen Gleise. Vor der Loveparade wäre das Staatsoberhaupt einfach durch einen Tunnel gegangen. Jetzt soll allein die Vorstellung im Rathaus derartiges Entsetzen ausgelöst haben, dass man eigens für Wulff eine Holzbrücke über die Gleise errichten will.

Hubert van Kempen verkauft seit 40 Jahren Obst und Gemüse in seinem Marktstand vor dem Kaufhof. Die Grafensteiner Äpfel kann er sehr empfehlen, 2,99 Euro das Kilo. Vor dem Landgericht sichern Polizisten den Bandido-Prozess, in der Fußgängerzone werden Buden für einen Antik-Markt aufgebaut. Keinen interessiert das. Die Gespräche am Obststand drehen sich um die Loveparade. "Dass die Leute wochenlang nur über ein einziges Thema reden, habe ich noch nie erlebt. Und vor allem reden sie über den Oberbürgermeister", sagt van Kempen. Der sei schuld, meinten die meisten, weil doch gar nicht sein könne, dass er im Vorfeld nichts gewusst habe.

Sabine Orschler ist das freundliche Gesicht an der Information im "Forum", Duisburgs feiner neuer Einkaufspassage. Sie erklärt, was man wo findet, wo man lang muss – und manchmal auch, wie man zur Karl-Lehr-Straße kommt. Gefasst, wenn sie kann. Seit vier Jahren lebt sie in Duisburg. Sie wollte am 24. Juli auch zur Loveparade, kam aber nicht durch. Ihr Sohn war im Tunnel, über Stunden nicht aufzufinden. Überall hilflose, teils zugedröhnte Jugendliche, die sich sogar gegen Helfer gewehrt hätten. Polizei, Hubschrauber, Lärm. "Es war wie im Krieg", sagt sie. Und dass sie es nicht in Ordnung findet, dass jetzt einer allein die Schuld an all dem haben soll.

Erdogan Dinc und Turan Salman stehen an ihren Taxen vor dem Hauptbahnhof und können sich kaum erinnern, wann sie in den letzten Wochen mal einen Fahrgast hatten, der sie nicht auf die Loveparade angesprochen hätte. "Die Leute haben viel Frust", sagt Dinc. Vor allem auf den Oberbürgermeister schimpften sie. Die Stimmung sei im Eimer, das Image auch. Ein Kollege sei im Urlaub selbst in Süd-Anatolien gefragt worden, was das für eine Stadt sei, in der er da lebe, dieses Duisburg. Manchmal wird Salman wütend, wenn Katastrophen-Touristen ihn fragen, wo es zur Karl-Lehr-Straße geht: "Ich sage inzwischen einfach, dass ich nicht weiß, wo das ist." Und irgendwie wünscht er sich das auch wirklich. Er ist am 24. Juli Taxi gefahren. Am Nachmittag hat er junge Leute zur Karl-Lehr-Straße gebracht. Natürlich weiß er, dass das Unsinn ist, dass er ja nicht wissen konnte, was dort passieren würde. Aber seitdem fragt er sich, ob er die jungen Leute in ihr Verderben gefahren hat.

Werner Brämer steht mit seinem Fahrrad zwischen den Tunneln an der Rampe. Er blickt auf den Zaun, an dem Kleidungsstücke der Opfer hängen. Und auf die Treppe. "Dann sehe ich immer wieder diese eine junge Frau von den Fernsehbildern", sagt er. Als er das erste Mal hierher kam, dachte er, das würde ihm helfen, das alles zu verstehen. Sechsmal war er jetzt hier. Er versteht nicht, wie man so etwas planen konnte, wie das alles geschehen konnte, warum niemand antwortet. Brämer merkt nicht, dass er beim Sprechen zittert. Er schimpft es sich weg. Köpfe müssten rollen, sagt er, die ganze Bande müsse weg, nicht nur der Sauerland, auch der Rabe, der Schaller und der Jäger.

Justine Benke und Jennifer Breitbach haben sich bei Starbucks einen Java Chip Chocolate Cream geholt und sitzen auf der Königstraße in der Sonne. Zur Loveparade waren beide im Urlaub. Jennifer feierte im Sauerland in den Geburtstag, Justine war auf Sizilien. Beide hatten Angst um ihre Freunde. Justine wird bald ganz nach Italien gehen, Jennifer zum Studium nach Mainz. Schon vor dem 24. Juli war es Mist, aus Duisburg zu sein, sagen sie. Aber jetzt? Jennifer wird einfach erzählen, sie sei aus Oberhausen.

Quelle: RP

 
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