Duisburg: Duisburger ein NS-Verbrecher?
VON KATHARINA SCHMÜLLING - zuletzt aktualisiert: 04.12.2008 - 21:45Duisburg (RPO). Im Duisburger Stadtteil Beeckerwerth gab es gestern nur ein Gesprächsthema: „Ein NS-Kriegsverbrecher hier bei uns?” Christel Brudna ist eine fest in den Stadtteil verwurzelte Bürgerin. „Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind alle schockiert”, sagt sie.
Gegen einen 89-Jährigen aus ihrem Viertel ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft Dortmund wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im österreichischen Burgenland. 63 Jahre lebte der ehemalige SS-Mann in der Stahl- und Bergarbeitersiedlung.
Bis ein österreichischer Student auf den Rentner stieß, der 1945 an der Ermordung von 60 bis 80 ungarischen Juden beteiligt gewesen sein soll. „Er bearbeitete einen Gerichtsprozess über das Massaker im Dorf Deutsch Schützen”, sagte Prof. Dr. Walter Manoschek gestern auf Anfrage der RP. Der Politologe forscht an der Uni Wien über NS-Verbrechen.
Das Massaker von Deutsch Schützen geschah im März 1945: 500 Zwangsarbeiter mussten einen Abwehrwall gegen die russische Armee bauen. Der Duisburger soll einer der drei SS-Männer gewesen sein, die das Feuer auf die Juden eröffneten.
Bei den Recherchen sei der Student auf den Namen des nun angeklagten Mannes gestoßen und habe beim Bundesarchiv in Berlin Akten angefordert, sagt Professor Manoschek. „Als nach dem Blick ins Telefonbuch klar war, dass wir den richtigen ausfindig gemacht haben, bin ich nach Duisburg gereist”, so der Forscher.
Mit dem 89-Jährigen mutmaßlichen Massenmörder zu sprechen sei gar nicht so schwierig gewesen. „Ich habe einfach bei ihm geklingelt”. Zehn Stunden Interview folgten, in denen der Mann von seiner Zeit in Deutsch Schützen berichtete. „An das Massaker konnte er sich allerdings nicht erinnern”, sagt Manoschek.
Der NS-Forscher ist mit seinem Rechercheergebnis zur Duisburger Staatsanwaltschaft gegangen, die den Sachverhalt an die Kollegen der Zentralstelle in Dortmund weiterleitete. Die ermitteln nun „mit Hochdruck”, wie Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß der RP mitteilte. Derzeit verhöre ein Kollege in Österreich Zeugen.
Ob es zu einer Anklage kommen wird, hängt vom Gesundheitszustand des 89-Jährigen mutmaßlichen NS-Verbrechers ab. Denn die Beweislast sei erdrückend, und Mord verjährt nicht. „Wenn sich die Geschichte bewahrheiten sollte, ist das schon ein dickes Ding”, sagt der Staatsanwalt, der schon mit vielen Fällen von Nazi-Verbrechen zu tun hatte.
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