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adolf sauerland afp panorama
  Foto: AFP, AFP
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Tote bei der Loveparade: Eine Stadt wie gelähmt

zuletzt aktualisiert: 25.07.2010 - 20:49

In Duisburg ist es klamm und still an diesem Sonntag. Die Stadt ist gelähmt von Trauer und Entsetzen. Sie wollte mit der Loveparade ein Weltereignis stemmen. Und scheiterte kläglich. Am Tag danach bieten die Verantwortlichen ein Bild des Jammers. Als OB Sauerland am Nachmittag Blumen am Unglücksort niederlegt, wird er ausgebuht.

Am Tag nach der Katastrophe mit 19 Toten bei der Loveparade in Duisburg ist es ruhig geworden am Tunnel zum Veranstaltungsgelände. Knapp 100 Meter vor der Unglücksstelle haben Anwohner am Sonntag Kerzen aufgestellt und Blumen abgelegt. Eine kleine Madonnenstatue aus Plastik soll an an die 19 Toten und über 340 Verletzten erinnern. "Es ist so sinnlos", heißt es auf einem Zettel. Am Nachmittag besucht NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) den Unglücksort. Gegenüber den wartenden Journalisten äußert sie sich nicht. 

Die Stadt ist gezeichnet. An der Überführung am Bahnhof stehen noch hunderte Dixie-Klos, auf dem Festivalgelände liegt Müll, Teile davon wehen über die direkt angrenzende Autobahn. Nur wenige Meter entfernt kamen 19 junge Männer und Frauen ums Leben. Eine war extra aus Australien angereist.

Event statt Stahl

Sie waren in einer Stadt angekommen, die mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihre erdrückende Schulden und schrumpfende Einwohnerzahlen kämpft. Manche sagen, sie liege im Sterben. Im Wettbewerb der Kommunen wollte sie sich auf Augenhöhe mit den Großen messen. Auch Sauerland investierte viel Arbeit in eine Imagekorrektur. Die Einkaufsstraße wurde mit Shopping-Palästen bestückt, die Loveparade statt sterbender Industrie, so sollte die Welt Duisburg kennenlernen.

Die Duisburger Verantwortlichen sehen sich nun schwer wiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Aus finanziellen Gründen sollen sie massive Sicherheitsbedenken missachtet haben. Angeblich wurden aufwändigere Modelle, die ein Mehr an Sicherheit gewährleistet hätten, verworfen. Zu viel Personal, zu groß. Spiegel Online berichtet von großzügigen Auslegungen von Sicherheitsrichtlinien, zudem haben das Festival-Gelände amtlichen Dokumenten zufolge gerade einmal für maximal 250.000 Besucher Platz gehabt. Hinzu kam offenkundig die Angst, sich während des Kulturhauptstadt-Jahres die Blöße einer Absage zu erlauben, frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

In vielen hat sich Wut aufgestaut

Auf der großen, teils chaotischen Pressekonferenz am Sonntag wollen sie sich zu diesen Vorwürfen nicht näher äußern. Mit gesenkten Köpfen sitzen sie vor den Journalisten: OB Sauerland, Sicherheitschef Wolfgang Rabe, der Polizeipräsident von Duisburg Detlef von Schmeling und Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller. Auf die drängenden Fragen nach Details aus dem Sicherheitskonzept, der Zahl der Besucher, der Fluchtwege und Absperrungen wollen sie nicht antworten. Begründung: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Da wolle man Mitarbeiter nicht gefährden.

In Duisburg vor dem „Tunnel des Todes“ wie ihn manche Medien genannt haben, kommt das Wegducken nicht sonderlich gut an. Als OB Sauerland am Abend Blumen niederlegt, durchschneiden Buhrufe die beklemmende Stille. Der CDU-Politiker soll Tränen in den Augen gehabt haben. Doch die Bürgern machen ihrer Wut Luft, die sich aufgestaut hat und gegen gegen diejenigen richtet, die die Katastrophe verbockt haben.

Die Erinnerungen kommen zurück

Es sind Anwohner gekommen, Duisburger, Schaulustige und auch einige von denen, die am Vortag mitten drin waren, im Tunnel. Manchen packen dann die Erinnerungen. "Direkt neben mir sind Menschen zu Tode getrampelt worden, es war einfach nur grauenhaft", sagt ein junges Mädchen unter Tränen. Einer der Toten sei über und über mit Fußabtritten bedeckt gewesen.

Es sind Trauer, Wut und Enttäuschung, mit denen diesen Menschen kämpfen. Dass der Hauptzugang zur Loveparade durch dieses "Nadelöhr" führte, können und wollen viele auch am Sonntag nicht verstehen. "So viel Blödheit kann ich nicht begreifen", sagt Richard Hatenkerl. Der Duisburger blickt in den Tunnel und ist außer sich. "Mein Bruder war mit seiner Freundin auf dem Gelände. Wenn sich die Massenpanik nur fünf Minuten früher ereignet hätte, wäre er jetzt wohl tot."

Eine Anwohnerin berichtet am Tag nach der Katastrophe gegenüber RP ONLINE: "Das musste so enden", sagt die 46-Jährige. Anwohner wollten bereits im Vorfeld ein Verbot erwirken. "Wie konnte man nur so viele Menschen durch den Tunnel schleusen." Wenn man alleine durchgehe, würde der Tunnel schon bedrückend wirken. Als die Polizei das Gelände abriegelte, bracht Panik aus, berichtet sie weiter. "Wir wollen rein! Wir wollen rein!", sollen die Menschen gerufen haben. Es gab Schreie, die Menschen seien losgerannt.

Anwohnerin kämpft mit Tränen

Mit den Tränen kämpft die Anwohnerin Britta Kordel. "Schon wir als Anwohner gehen ungern durch den Tunnel", berichtet sie. Am Samstag habe sie von ihrer Wohnung aus beobachtet, wie ab Mittag immer mehr Menschen durch die Unterführung gehen wollten. "Die Leute haben von hinten geschubst und gedrängelt", sagt sie. Die Sicherheitskräfte hätten die Menschen nicht in den Tunnel hineinlassen dürfen. Dass es zu einer solchen Katastrophe kam, überrascht sie aber nicht. "Alle Duisburger haben gesagt, das darf hier nicht stattfinden", betont sie. Eine in Duisburg lebende Studentin aus Uedem (Kreis Kleve) ist gar nicht erst hingegangen. "Die Streckenführung ist eine einzige Katastrophe", sagt sie.

Joe aus Südbaden gehört zu jenen Besuchern der Loveparade, die sich auch am Sonntag noch am Gelände aufhalten. Dass die Techno-Veranstaltung derart aus dem Ruder läuft, ist für ihn eine Überraschung. "Dass so etwas passiert, konnte keiner wissen", sagt er. Schließlich hätten die Macher der Loveparade Erfahrung gehabt und solche Veranstaltungen auch schon in Essen und Dortmund organisiert. Es sei ein Fehler gewesen, den Hauptzugang für die Besucher durch diesen Tunnel zu führen. Auch auf dem Festivalgelände selbst sei es "eng" gewesen.

Stimmung ist beklemmend

Auch am unweit der Unglücksstelle gelegenen Duisburger Hauptbahnhof ist die Stimmung am Sonntag beklemmend. Einige Besucher der Loveparade schlafen noch auf Alufolien am Boden, andere stehen in Gruppen zusammen und diskutieren mit halblauter Stimme. Bis tief in die Nacht irrten die Besucher durch Duisburg. Viele mussten stundenlang auf einen Zug warten. Sie schliefen auf dem Boden im Bahnhof oder verbrachten die Nacht vereinzelt auch in Parks in der Stadt. "Wir wollten doch nur Party machen", sagt der 21-jährige Urs, der mit Freunden aus Basel angereist war. Die Verkäuferin in der Bahnhofs-Buchhandlung sieht das Ende des Techno-Events gekommen - noch bevor die Veranstalter offiziell das Aus verkünden. "Diese Katastrophe wird immer mit der Loveparade und mit Duisburg verbunden bleiben", sagt die Frau.

Am Bus warten auch zwei 17-Jährige, Dustin aus Erkrath und Thomas aus Köln, auf die Abfahrt. Sie kamen getrennt zur Loveparade nach Duisburg. "Wir kennen uns nur, weil wir übereinanderlagen", sagt Thomas, dessen Jeanshose am rechten Bein komplett zerrissen ist. Um sein Knie trägt er einen Verband.

"Auf mir lagen noch zwei Menschen"

Beide sind staubbedeckt, und ihnen stehen die Tränen noch in den Augen. "Neben mir ist ein Mädchen gestorben", sagt Dustin. Es sei einfach erdrückt worden. Ein weiteres Mädchen habe neben ihm gelegen. Es sei schon blau angelaufen gewesen. Mit Mund-zu-Mund-Beatmung habe er sie wiederbeleben können.

Dabei konnte sich Dustin lange selbst so gut wie nicht bewegen: "Auf mir lagen noch zwei Menschen." Teilweise hätten fünf bis sechs Personen übereinander gelegen. Als ihn schließlich Rettungssanitäter herauszogen, verlor er seine Schuhe. "Es war so eng, die sind steckengeblieben", sagt Dustin. "Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen", berichtet der 17-Jährige. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch Luft bekomme."

Thomas meint, Security und Polizei seien mit der Situation überfordert gewesen. "Es ist nicht das richtige Gelände, es ist einfach zu eng." Ob er noch einmal zur Loveparade gehen möchte, wisse er noch nicht. Für Dustin jedenfalls sei es die erste und letzte Loveparade gewesen: "Meiner Freundin werde ich das niemals erlauben und meinen Kindern später auch nicht."

Quelle: ddp/rm/csf/jul

 
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