Duisburg: Einer, der den Mund auf macht
VON JULIAN WEIMER - zuletzt aktualisiert: 10.11.2007Duisburg (RPO). Zu aktuellen Konflikten reist er rund um die Welt. Bald allerdings wird Hans de Boer in betreutes Wohnen umziehen und seine Fahrten auf Nordrhein-Westfalen beschränken. Jetzt war der Zeitzeuge noch einmal in der Stadtteilbibliothek Gesamtschule Süd in Großenbaum zu Gast.
Seit Jahrzehnten ist er als Zeitzeuge und Botschafter gegen Kapitalismus und Faschismus in der ganzen Welt unterwegs. Bald wird Hans de Boer 83 – und möchte nicht mehr weit reisen. Sein loses Mundwerk gegen Dinge, die ihn aufregen, hat er sich aber bewahrt.
Am Donnerstag war Hans de Boer in der Stadtteilbibliothek Gesamtschule Süd in Großenbaum. Für ihn nur einer von vielen Terminen, denn der Berufsschulpfarrer im Ruhestand hält zwei bis drei solcher Vorträge jede Woche. Und zwar in ganz Deutschland. Zu aktuellen Konflikten reist er rund um die Welt. Doch bald wird er in betreutes Wohnen umziehen und seine Fahrten auf Nordrhein-Westfalen beschränken. „Wenn ich jetzt noch nach Indien reisen würde, da würde ich das Klima doch gar nicht mehr aushalten“, sagte er.
„Terror – auch heute noch eine Gefahr“ lautete das Thema am Donnerstag. Hans de Boer versteht darunter viel mehr als nur die Schlagworte Al-Kaida und Osama bin Laden. „Während wir hier zusammen sitzen, lassen wir absichtlich 100 000 Menschen verhungern“, sagte er, „jeden Tag werden ungefähr 43 Fußnägel rausgezogen.“ Eine Foltermethode, die er in seiner Jugend unter den Nationalsozialisten über sich ergehen lassen musste. Seitdem kann er nicht mehr still sein, wenn es um Unrecht geht. Und Unrecht sieht er eben auch bei der westlichen Wirtschaft und bei George Bush. „Ich war im Irak“, erzählte de Boer. Dort habe er sich die Zustände nach dem Krieg anschauen wollen und sei dabei auf ein grausames Folterinstrument gestoßen. „Das wurde hergestellt von einer Firma in Essen. Falls sie es nicht wissen, das liegt hier in Deutschland.“ Mit seinem folgenden Protest bei der Firma erging es ihm, wie so oft in seinem Leben. „Diese Firma stellt das Gerät nun nicht mehr in Essen her. Sie haben die Produktion ins Ausland verlegt.“ Auch wenn der Nutzen – wie in diesem Fall – oft gering ist, zum Aufgeben hat ihn das noch nie bewegt. „Diese Dinge können doch nicht an uns vorbei gehen. Wir müssen uns angewöhnen, dass wir den Mund aufmachen.“
„Es ist mir noch nie klar geworden, wo er überall rumgereist ist“, stellte Karin Laufhütte aus Duissern fest. Zu Hans de Boers Vortrag war sie in die Stadtteilbibliothek gekommen. „Mich interessierte er mal als Mensch“, sagte sie, „ich hab’ Einiges von ihm gelesen und wollte ihn nun mal persönlich erleben.“ Auch die ehemalige Leiterin der Stadtteilbibliothek, Özlem Yalinci, war zu Hans de Boers Besuch noch einmal nach Großenbaum gekommen. Vor einem Jahr hatte sie die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche ins Leben gerufen, durch die nun jährlich eine offene Diskussion mit Künstlern oder Zeitzeugen stattfinden soll. „So wird Leben in die Bibliothek eingehaucht“, freute sie sich.
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