Duisburg: Eltern in Angst vor Sexualtäter
VON CHRISTIAN SCHWERDTFEGER UND JESSICA NARLOCH - zuletzt aktualisiert: 31.03.2011 - 07:33Duisburg (RPO). In Duisburg ist ein verurteilter Sexualtäter nach der Haftentlassung direkt neben eine Schule gezogen. Dort bewacht die Polizei ihn rund um die Uhr. Dennoch sorgen sich Anwohner um die Sicherheit ihrer Kinder.
Die Vorhänge hinter dem Fenster im Mehrfamilienhaus in Duisburg sind zugezogen. Ricardo K. ist nicht zu Hause. Dennoch parkt ein Streifenwagen vor der Haustür des verurteilten Sexualstraftäters. Daneben stehen viele besorgte Mütter. "Wie konnte die Polizei nur zulassen, dass er hierher zieht?", fragt Claudia Capuliya.
Die 38-Jährige holt gerade ihren achtjährigen Sohn von der Grundschule ab, so wie es seit einigen Tagen fast alle Eltern in dem Viertel machen, nachdem sie durch Zufall erfahren haben, dass K. in unmittelbarer Nähe der Schule ein möbliertes Appartement bezogen hat.
Urteil des Gerichtshofs
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat im Dezember 2009 geurteilt, dass Deutschland mit der nachträglichen Sicherheitsverwahrung für Straftäter gegen das Menschenrecht verstößt. Demnach muss eine Sicherheitsverwahrung bereits bei der Urteilsverkündung angeordnet werden. Nachträglich kann das nicht mehr geschehen.
Der 48-Jährige wurde Ende vergangenen Jahres aus seiner nachträglich verhängten Sicherheitsverwahrung entlassen, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) diese allgemein für unwirksam erklärt hatte. Zuvor saß er 27 Jahre seines Lebens unter anderem wegen sexueller Übergriffe auf zwei Jungen und eine ältere Frau hinter Gittern.
Nach seiner Entlassung war K. im November vergangenen Jahres zu seiner Schwester nach Duisburg-Homberg direkt neben eine Grundschule gezogen. Dort soll er auf einem Parkplatz gegenüber der Schule ein zehnjähriges Mädchen belästigt haben. Allerdings konnte ihm die Tat nicht nachgewiesen werden, so dass er wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden musste. Ein Gutachter stufte die Wahrscheinlichkeit als gering ein, dass der 48-Jährige nochmals wegen sexueller Übergriffe auffällig wird.
Seit dem 14. März ist er wieder frei und wird seitdem auf unbestimmte Zeit von 18 Polizisten ständig observiert. Weil K. häufig mit dem Fahrrad unterwegs ist, folgen ihm auch die Beamten per Rad.
Nach seiner Freilassung wollten die Behörden eigentlich dafür sorgen, dass K. nicht mehr in die direkte Nähe einer Schule zieht. Dass es dennoch wieder so kam, dazu wollte sich das zuständige Duisburger Landgericht gestern nicht äußern. "Wir dürfen ohne Zustimmung des Betroffenen nichts zu dem Fall sagen", so Gerichtssprecher Stefan Ulrich.
Benno Lensdorf (CDU), Bürgermeister in Duisburg, ist verärgert: "Es ist nicht nachvollziehbar, dass K. erneut neben eine Grundschule ziehen durfte."
Allein in Nordrhein-Westfalen werden bis 2019 wegen des EGMR-Urteils nach Auskunft des Justizministeriums 60 Schwerverbrecher wie Ricardo K. entlassen. Im vergangenen Jahr kamen in NRW laut Justizministerium bereits 17 Gewaltverbrecher durch die Gesetzesänderung frei.
Viele Anwohner, Eltern, Geschäftsleute und Lehrer im Bezirk Homberg-Ruhrort haben, seit Ricardo K. dort hin zog, keine ruhige Minute mehr. "Wir leben in ständiger Angst um unsere Kinder", sagt Jennifer Grube, Mutter von Zwillingen. Die 28-Jährige ärgert sich auch über die Polizei. "Die haben uns nicht Bescheid gegeben, dass K. jetzt hier wohnt ", sagt sie. "Ich habe nur von einem Polizisten den Hinweis bekommen, dass ich meine Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt auf der Straße spielen lassen soll." Ebenfalls nicht informiert wurde der Leiter der betroffenen Grundschule, Heinz-Dieter Peters. "Ich hätte mir gewünscht, darüber in Kenntnis gesetzt zu werden."
Aber genau das darf die Polizei nicht. "Das ist eine Schutzmaßnahme vor möglichen Übergriffen auf den Betroffenen", so ein Polizeisprecher.
Nahe der Wohnung des 48-Jährigen liegen neben der Grundschule noch ein Kindergarten, einige Kindertagesstätten und ein großer Spielplatz. Doch Kinder spielen dort nicht mehr. Sven Winters sagt warum: "Als ich mit meinen beiden Söhnen auf dem Spielplatz war, wurde ich von der Polizei gebeten, ihn zu verlassen. Grund: K. möchte sich dort auf die Bank setzen", berichtet der Anwohner.
Im betroffenen Stadtteil wollen die besorgten Anwohner heute Abend auf die Straße gehen, um gegen K. zu demonstrieren. "Wir wollen damit ein Zeichen setzen und deutlich machen, dass wir ihn nicht bei uns haben wollen", sagt Familienvater Kim Schell (31). In den vergangenen Tagen soll K. schon mehrmals von einigen erbosten Anliegern verbal und auch körperlich angegangen worden sein, bestätigt Schell. "Der darf hier keine ruhige Minute mehr haben", sagt er. Und tatsächlich scheint K. von den Aktionen gegen ihn beeindruckt zu sein. Nach Angaben der Polizei soll er vorhaben, wieder wegzuziehen. Das seien ja auch keine Zustände mehr für den 48-Jährigen, so ein Polizeisprecher gegenüber unserer Zeitung. Der Mann würde sich bereits nach einer neuen Wohnung umsehen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







